2. Kapitel
Weit vor dem Schiff tauchte plötzlich ein riesiges Seeungeheuer auf. Es war um ein Vielfaches größer als die Syndke, das wuchtige Drachenboot. Stellan und seine Männer starrten entsetzt auf dieses monströse Tier, welches sich mit großer Geschwindigkeit näherte, um das Schiff zu rammen.“
Maj und Bo hörten der Großmutter mit vor Spannung geröteten Wangen zu. Ihre Geschichten waren derart aufregend und lebendig, als wäre man leibhaftig dabei. Die Kinder schmeckten das Salzwasser auf der Zunge und es war ihnen, als schwanke das Sofa im Takt der Wellen. Sie liebten diese Nachmittage, eingekuschelt in der kleinen Kaminstube, mit Plätzchen und heißer Schokolade.
Alice erklärte den Kindern, dass die Nordmänner gleichermaßen Bauern und geschickte Handwerker waren. Die Stoffe für ihre Kleidung webten und färbten sie selbst. Sie stellten kunstfertige Schmuckstücke für ihre Frauen und fein gearbeitete Fibeln für die mutigen Krieger her. Wikinger waren aber auch für ihre blutrünstigen Raubzüge bekannt und verteidigten nicht unbedingt sanft ihre Dörfer. Die alte Dame lächelte, „Ihr habt doch keine Angst, oder?“ „Aber nein Oma, erzähl weiter!“, drängten die beiden. „Gut, aber vorher werde ich noch ein paar Holzscheite in den Kamin legen, sonst wird es uns gleich so kalt und ungemütlich wie Stellan und seinen Jungs auf dem Meer.“
Und während draußen der Schnee durch den kalten Februartag fiel, kämpften die drei weiter mit den Wikingern und besiegten den sagenhaften Meeresdrachen.
„Oma, du bist die beste Geschichtenerzählerin der Welt“, strahlte Maj sie an und Bo nickte bekräftigend. „Woher kennst du diese vielen Geschichten?“ Alice ließ das Strickzeug sinken und sah den Freund ihrer Enkeltochter ernst an. „Ich war dort und habe es alles selbst erlebt.“ Bo grinste seine Freundin an, „Deine Oma kann gut schwindeln“, und zur Großmutter gewandt, „Das geht doch gar nicht. Omas sind nicht auf Drachenbooten mit Wikingern unterwegs, Rotkäppchen ist nur ein Märchen und niemand war schon einmal beim Weihnachtsmann am Nordpol. Und die Geschichte auf dem Basar in Marrakesch spielte vor …“, Bo verdrehte die Augen, während er nachdachte, „… tausend Jahren?“ Alice bedachte ihn mit einem hintergründigen Blick. „Das mag alles sein, und trotzdem war ich genau dort: auf dem Wikingerschiff, beim Weihnachtsmann, mit Ali Baba am Gewürzstand und was Rotkäppchens Großmutter mir alles so erzählt hat, da sträuben sich mir immer noch die Haare.“ Ein dumpfes Geräusch ließ die drei hochfahren. Irgendetwas hatte die Fensterscheibe getroffen. Bo war aufgestanden und starrte nach draußen. Ein winziger goldener Lichtblitz blendete ihn. Alice hatte ihn vom Fenster weggezogen und sah unterdes ihrerseits suchend ins dunkle Schneegestöber. Auf ihrem Gesicht lag keine Angst, eher eine Spannung, als würde sie auf etwas warten. Sie riss sich aus den Gedanken und wandte sich den Kindern zu. Es wurde Zeit zum Aufbruch. Die beiden sollten nicht zu spät nach Hause kommen.
Auf dem Heimweg diskutierten die Kinder leidenschaftlich, ob die Großmutter sie nur angeschwindelt hatte oder ihre Geschichten der Wahrheit entsprachen, den Lichtblitz hatten sie längst vergessen. „Überleg doch mal. Das geht doch gar nicht. Schon allein aus, ähm, physikalischen Gründen.“ Bo breitete theatralisch die Arme vor seiner Freundin aus. Maj blieb abrupt stehen. „Was weißt du denn über Physik? Meine Oma lügt nicht!“ So stritten die beiden eine kleine Weile, bis sie sich trennten und jedes für sich durch den Schnee in seine Straße stapfte. Maj freute sich schon auf die nächste Märchenstunde am Kamin. Dass ihre Oma niemals die Schauplätze ihrer abenteuerlichen Ges