VERLETZTE SEELEN:
Die verschiedenen Farben unseres Selbst
Dohuk 2017: Welcome to hell
Schon wieder klingelt das Telefon. »Herr Professor, könnten Sie uns mit Zeugen der IS-Verbrechen zusammenbringen?« Darum bitten mich in den letzten Jahren immer häufiger die Journalisten in meiner Heimat im Schwarzwald. Sie wissen, dass ich als Traumatherapeut mit den Überlebenden arbeite und den Nordirak fast wie meine eigene Westentasche kenne. Kultur und Sprache sind mir vertraut, denn ich bin in diesem Land zwischen Euphrat und Tigris, das einst Mesopotamien genannt wurde, dem Land von Noah und Abraham, geboren.
Seit dem Einmarsch der IS-Terroristen im August 2014 ist der Nordirak größtenteils mit traumatisierten Menschen bevölkert, die nach der Diktatur Saddam Husseins aus ihrem gewohnten Leben ins tiefe Mittelalter hineinkatapultiert worden sind. Die Gräueltaten haben die Überlebenden zutiefst verstört zurückgelassen. Am härtesten hat es dabei die Minderheit der Jesiden getroffen, aber auch Christen, Mandäer, Kakai und zum Teil Schiiten in Mossul und Umgebung.
Einige Wochen später holpern ein Fernsehteam und ich in einem weißen Range Rover über staubige Straßen im Nordirak, vorbei an den von Handfeuerwaffen zerfressenen Lehmhäusern und ausgebrannten Fahrzeugen. Die Menschen am Straßenrand tragen abgerissene Kleidung, ihre Gesichter wirken leer wie die geplünderten Ruinen ihrer Häuser. Nahezu alles, was sich die Einwohner einst über Jahrzehnte aufgebaut hatten, liegt nach vier Jahren Schreckensherrschaft in Trümmern.
Stück für Stück hat das irakische Militär mit seinen Verbündeten das »Kalifat« zerschlagen, doch das Terrornetzwerk wird trotzdem nicht von unserer Landkarte verschwinden. Vermutlich taucht der IS schon bald mit einem anderen Gesicht an einem anderen Ort wieder auf. Überall, wo Chaos, Vakuum und Paralysierung regieren, findet diese »Herrschaft des Gesandten Gottes« neue Soldaten zum Rekrutieren. Solche, die nichts mehr zu verlieren haben. Für die der Tod erstrebenswerter ist als das Leben. Und deren Aufgabe darin besteht, Angst und Schrecken auch in Europa zu verbreiten.
Im Flüchtlingslager Khaparto angekommen, schiebt ein 9-jähriger jesidischer Junge auf meine Bitte hin sein Hemd hoch. Akrams magerer Bauch ist vernarbt und verbeult. IS-Soldaten hatten ihn beim Einmarsch ins Sindschar-Gebiet angeschossen, als er versucht hatte zu fliehen. Seinen Vater haben sie exekutiert, seine Mutter und seine Geschwister als Leibeigene missbraucht. Akram haben sie als Kindersoldaten einer Gehirnwäsche unterzogen.
Mit den wild zugewucherten Wunden am Bauch besuchte der damals 6-Jährige die Schule der radikalen Islamisten. Gemeinsam mit den anderen entführten Jungen lernte er, an Puppen zu üben, wie man Köpfe mit einem Messer abtrennt. Manche Kinder führten das Einstudierte später an den eigenen Eltern durch. Verschämt und mit fahrigen Gesten berichtet der Junge den Journalisten: »Zur Strafe haben sie mich über Nacht in ein Leichenhaus eingesperrt.« Kurz blickt er der Reporterin mit einer stummen Frage in die Augen: »Verstehen Sie?« Aber wer will solche Gefühle schon wirklich verstehen? Das hält keiner aus. Doch Akram musste es aushalten. Zitternd. Voller Todesangst. Zwischen blutigen Körpern am Boden. Zerfetzt vom Hass. Nur die