: Jan Ilhan Kizilhan, Alexandra Cavelius
: Nachtfahrt der Seele Von einem, der auszog, das Licht zu suchen
: Europa Verlag GmbH& Co. KG
: 9783958902183
: 1
: CHF 15.30
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: Romanhafte Biographien
: German
: 424
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Am Tage merkte ich oft nicht, wie sehr ich mich im Gestrüpp dunkler Gedanken verloren hatte. Nachts versank ich in so tiefen Schlaf, dass ich mich morgens an nichts mehr erinnern konnte.' Jan Ilhan Kizilhan, Psychotherapeut und Trauma-Experte, gerät im Winter 2010 in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise. Während er in seiner Klinik eine vergewaltigte Kurdin betreut, fragt er sich voller Zweifel, ob er in solch schweren Fällen tatsächlich auf Dauer etwas Positives bewirken kann. Auf der Suche nach Heilung für die versehrte Seele des Menschen merkt der zweifach promovierte Professor jedoch nicht, wie er sich selbst immer mehr verliert. Nach außen funktioniert der Therapeut und Familienvater, innerlich jedoch ist er ausgebrannt. Als er eine Einladung in den Iran erhält, um die dortige traditionelle Heilkunde kennenzulernen, nimmt er an. Eine alte Heilerin namens Anaram führt ihn zu alten Kult- und Tempelstätten und bringt ihm die Lehre Zarathustras näher. Während sich Kizilhan als rationaler Mensch anfangs distanziert verhält, gerät er zunehmend in den Bann ihrer orientalischen Erzählungen über die alte Heilkunst. Langsam öffnet er sich dieser Fremden und lernt, dass er als Therapeut anderen Menschen nur dann erfolgreich helfen kann, wenn er sich auf eine Reise zu sich selbst und seinen Vorfahren begibt. Auf dem Rückflug ahnt er noch nicht, dass er sich in naher Zeit der größten Herausforderung seines Lebens stellen wird, nämlich der Behandlung Tausender schwer traumatisierter Frauen des IS-Terrors.

Prof. Dr. Dr. Jan Ilhan Kizilhan stammt aus dem kurdischen Teil der Türkei und gilt als international anerkannter Experte der Transkulturellen Psychiatrie und Traumatologie. Er ist Orientalist und Psychologe, leitet den Studiengang Soziale Arbeit - Psychische Gesundheit und Sucht an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und kümmert sich seit Jahren um Opfer der Terrormiliz Islamischer Staat sowie Mädchen und Frauen aus der Volksgruppe der Yeziden. Für sein außerordentliches Engagement wurde er mit dem Women's Rights Award 2016 und dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. 2017 erhielt er vom American Jewish Committee den Ramer Award for Courage in the Defense of Democracy.# Alexandra Cavelius ist freie Autorin und Journalistin. Unter anderen erschienen von ihr die Bestseller Die Himmelsstürmerin von Leila - ein bosnisches Mädchen. Zu ihren letzten, sehr erfolgreichen Werken zählen die Autobiografie mit der mehrfach für den Friedensnobelpreis nominierten Swetlana Gannuschkina Auch wir sind Russland sowie mit Unterstützung Jan Ilhan Kizilhan die Spiegelbestseller Ich bleibe eine Tochter des Lichts und Die Psychologie des IS.

VERLETZTE SEELEN:


Die verschiedenen Farben unseres Selbst


Dohuk 2017: Welcome to hell


Schon wieder klingelt das Telefon. »Herr Professor, könnten Sie uns mit Zeugen der IS-Verbrechen zusammenbringen?« Darum bitten mich in den letzten Jahren immer häufiger die Journalisten in meiner Heimat im Schwarzwald. Sie wissen, dass ich als Traumatherapeut mit den Überlebenden arbeite und den Nordirak fast wie meine eigene Westentasche kenne. Kultur und Sprache sind mir vertraut, denn ich bin in diesem Land zwischen Euphrat und Tigris, das einst Mesopotamien genannt wurde, dem Land von Noah und Abraham, geboren.

Seit dem Einmarsch der IS-Terroristen im August 2014 ist der Nordirak größtenteils mit traumatisierten Menschen bevölkert, die nach der Diktatur Saddam Husseins aus ihrem gewohnten Leben ins tiefe Mittelalter hineinkatapultiert worden sind. Die Gräueltaten haben die Überlebenden zutiefst verstört zurückgelassen. Am härtesten hat es dabei die Minderheit der Jesiden getroffen, aber auch Christen, Mandäer, Kakai und zum Teil Schiiten in Mossul und Umgebung.

Einige Wochen später holpern ein Fernsehteam und ich in einem weißen Range Rover über staubige Straßen im Nordirak, vorbei an den von Handfeuerwaffen zerfressenen Lehmhäusern und ausgebrannten Fahrzeugen. Die Menschen am Straßenrand tragen abgerissene Kleidung, ihre Gesichter wirken leer wie die geplünderten Ruinen ihrer Häuser. Nahezu alles, was sich die Einwohner einst über Jahrzehnte aufgebaut hatten, liegt nach vier Jahren Schreckensherrschaft in Trümmern.

Stück für Stück hat das irakische Militär mit seinen Verbündeten das »Kalifat« zerschlagen, doch das Terrornetzwerk wird trotzdem nicht von unserer Landkarte verschwinden. Vermutlich taucht der IS schon bald mit einem anderen Gesicht an einem anderen Ort wieder auf. Überall, wo Chaos, Vakuum und Paralysierung regieren, findet diese »Herrschaft des Gesandten Gottes« neue Soldaten zum Rekrutieren. Solche, die nichts mehr zu verlieren haben. Für die der Tod erstrebenswerter ist als das Leben. Und deren Aufgabe darin besteht, Angst und Schrecken auch in Europa zu verbreiten.

Im Flüchtlingslager Khaparto angekommen, schiebt ein 9-jähriger jesidischer Junge auf meine Bitte hin sein Hemd hoch. Akrams magerer Bauch ist vernarbt und verbeult. IS-Soldaten hatten ihn beim Einmarsch ins Sindschar-Gebiet angeschossen, als er versucht hatte zu fliehen. Seinen Vater haben sie exekutiert, seine Mutter und seine Geschwister als Leibeigene missbraucht. Akram haben sie als Kindersoldaten einer Gehirnwäsche unterzogen.

Mit den wild zugewucherten Wunden am Bauch besuchte der damals 6-Jährige die Schule der radikalen Islamisten. Gemeinsam mit den anderen entführten Jungen lernte er, an Puppen zu üben, wie man Köpfe mit einem Messer abtrennt. Manche Kinder führten das Einstudierte später an den eigenen Eltern durch. Verschämt und mit fahrigen Gesten berichtet der Junge den Journalisten: »Zur Strafe haben sie mich über Nacht in ein Leichenhaus eingesperrt.« Kurz blickt er der Reporterin mit einer stummen Frage in die Augen: »Verstehen Sie?« Aber wer will solche Gefühle schon wirklich verstehen? Das hält keiner aus. Doch Akram musste es aushalten. Zitternd. Voller Todesangst. Zwischen blutigen Körpern am Boden. Zerfetzt vom Hass. Nur die