New York City, 10. September, 1905
„Mach die Augen nicht auf, bis ich es dir sage.“ Er hielt mich mit einer Hand am Unterarm, während er mich halb hebend, halb ziehend aus dem Hansom-Taxi beförderte. Falls es dem Kutscher seltsam vorgekommen war, eine Frau mit Augenbinde zu befördern, hatte er es sich nicht anmerken lassen.
„Die Augen aufmachen?“, rief ich. „Heilige Mutter Gottes, Daniel, wie sollte ich die Augen aufmachen? Ich kann durch dieses verflixte Ding nichts sehen.“
Ich hörte ihn kichern, während er mich vorwärts lenkte und ich vorsichtig die Füße auf die Pflastersteine setzte. Und plötzlich wusste ich, wo ich war. Vertraute Gerüche wehten mir entgegen – frisch gebackenes Brot aus der französischen Bäckerei gleich um die Ecke in der Greenwich Avenue, die rosafarbene Kletterrose, die neben der Haustür der alten Mrs. Konigsberg wuchs. Und ich vernahm auch vertraute Geräusche – das entfernte Rattern und Klappern der Karren auf dem Jefferson Market, den geschäftigen Verkehr auf der 6th Avenue, den speziellen Widerhall unserer Schritte von den hohen Backsteingebäuden in unserer kleinen Seitengasse.
„Wir sind da, oder? Du hast mich nach Hause gebracht.“ Ich brachte die Worte kaum heraus.
Ich war im Patchin Place, an den Ort zurückgekehrt, der mein Zuhause gewesen war, bis er von einem Feuer zerstört wurde, weil eine Gang eine Bombe durch unser Fenster geworfen hatte. Seit meiner Rückkehr aus Paris vor einigen Wochen hatte ich bei meiner Schwiegermutter gewohnt und mein Haus ganz bewusst nicht aufgesucht, da ich die Überreste meines alten Lebens nicht sehen wollte. Ich hatte nicht in der verzweifelten Vorstellung versinken wollen, dass es nie wieder unversehrt sein würde. Ich war mir selbst jetzt nicht sicher, ob ich es sehen wollte, doch Daniel musste einen guten Grund haben, um mich hierher zu bringen.
Ich hatte seine Aufregung gespürt, als er Mrs. Heffernan gebeten hatte, auf unser Kind aufzupassen, und zu mir sagte, dass er mich für eine Weile entführen wollte, um mir etwas zu zeigen. Dann hatte er darauf bestanden, mir die Augen zu verbinden, weil er mir nicht zutrauen könne, keinen verstohlenen Blick zu riskieren, und nicht wolle, dass ich mir die Überraschung verdürbe. Ich hatte mir in die Droschke helfen lassen und war über die Maßen ratlos und neugierig gewesen, was diese Überraschung wohl sein mochte. Daniel hielt mich jetzt an der Taille und ich griff nach seinem Ärmel, um mich zu beruhigen. Es musste etwas Gutes sein, sagte ich mir. Daniel war der anständigste Mann, den ich je kennengelernt hatte. Und er liebte mich. Er würde niemals absichtlich etwas tun, was mir Kummer bereitete.
„Noch vier Schritte“, sagte Daniel und führte mich vorwärts. „Und jetzt bleib stehen. Nicht bewegen.“
Er ließ meine Taille los und ich hörte, dass er sich von mir entfernte. Ich war noch nie der geduldigste Mensch gewesen und es verlangte mir einiges ab, mir nicht die Augenbinde vom Kopf zu reißen.
Die Zeit schien stillzustehen. Ich hörte die Tauben gurren, die auf dem Dach gegenüber lebten. Das Hupen eines Automobils. In der Ferne weinte ein Kind. Dann war er wieder neben mir. Ich spürte seinen warmen Atem an meiner Wange.
„Bereit?“, flüsterte er.
Dann löste er das Taschentuch über meinen Augen. Ich stand blinzelnd im hellen Sonnenlicht und blickte auf eine frisch gestrichene, grüne Tür. Es war mein Haus, so wie ich es in Erinnerung hatte – neue Fenster mit leuchtend weißen Rahmen. Nur geschwärzte Backsteine, die selbst mit endlosem Schrubben nicht gereinigt werden konnten, zeugten noch davon, dass das Haus vor Kurzem nichts als ein Haufen Asche gewesen war.
„Oh, Daniel“, keuchte ich. „Es sieht wieder so aus, wie es war.“
„Nicht ganz“, sagte er. „Aber es ist ein Anfang.“ Er legte mir eine Hand auf die Schulter und schob mich sanft vorwärts. „Los. Mach die Tür auf.“
Ich trat vor. Ich packte den Türknauf und die Tür schwang auf. Der Geruch frischer Farbe empfing mich, als ich vorsichtig einen Schritt in den Flur setzte. Frisch in weiß gestrichene Treppenstufen erhoben sich zu meiner Linken. Direkt voraus lag meine Küche, mit einem neuen K