Der mörderische Gesang der Sirenen Ein Fall für Hilary Tamar - 3
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Sarah Caudwell
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Der mörderische Gesang der Sirenen Ein Fall für Hilary Tamar - 3
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spraybooks publishing
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9783945684368
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Hilary Tamar
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1
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CHF 6.10
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Krimis, Thriller, Spionage
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German
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225
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Wasserzeichen
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PC/MAC/eReader/Tablet
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ePUB
Der junge Londoner Anwalt Michael Cantrip reist auf die britischen Kanalinseln, weil er dort eine wichtige Steuerangelegenheit klären soll. Die Insel Jersey ist, ähnlich Monaco, eine Steueroase, und die dort registrierten Firmen laufen unter Decknamen. Auch Cantrip untersucht einen solchen Fall, die Daffodil-Vereinbarung, einen Treuhandvertrag, der neun Millionen Pfund eingebracht hat, nur weiß leider niemand, wer der rechtmäßige Nutznießer dieser Summe ist. Die Sache entwickelt sich zu einem handfesten Skandal und lukrativen Geschäft. Edward Malvoisin, ein ebenfalls mit dem Fall beauftragter Anwalt, kommt unter verdächtigen Umständen ums Leben, und Gabrielle, eine Mitarbeiterin der Daffodil-Firmengruppe, wird von einem Unbekannten verfolgt und fürchtet um ihr Leben. Als Cantrip einem Attentat nur knapp entgeht, schaltet sich Hilary Tamar ein ...
Sarah Caudwell wurde in London geboren. Nach Abschluss eines Jurastudiums am St. Anne's College in Oxford wurde sie an die Chancery Bar berufen und arbeitete als Barrister mehrere Jahre am Lincoln's Inn in London. Später spezialisierte sich auf internationale Steuerplanung bei einer großen Londoner Bank und begann etwa zu dieser Zeit mit dem Schreiben. Die Schärfe ihrer juristischen Pointen verschaffte ihr zahlreiche Bewunderer unter Juristen, während die fröhliche Wildheit ihres satirischen Stils sie zu einem Liebling der Kritiker machte. Im New York Times Book Review wurde sie dafür gelobt, dass sie 'in einem Englisch schreibt, das es seit den Tagen von Oscar Wilde nicht mehr gegeben hat.' Im Januar 2000 starb sie im Alter von 60 Jahren.
Prolog Der Welt der Wissenschaft steht eine schwere Enttäuschung bevor, fürchte ich. Vom Gemeinschaftsraum der Dozenten im St. George's College, wo die Kollegen mich jeden Tag begierig fragen: »Bald fertig, Hilary?«, bis hin zu den weit entlegenen Hörsälen von Yale und Columbia, wo, wie mir erzählt wurde, die Formulierung »In Tamars bald zu erwartender Publikation« ständig zu hören ist, warten die Gelehrten voller Ungeduld und Wissensdurst auf mein seit langem angekündigtes Werk über den Begriff der Causa in der englischen Rechtsgeschichte. Wie soll ich ihnen beibringen, dass ich mich wieder einmal vom schnurgeraden Pfad der Wissenschaft habe ablenken lassen und das, was ich meinen Lesern hier offeriere, nichts weiter ist als die Chronik dieser meiner Desertion? Wäre es nicht vielleicht besser, von der Veröffentlichung eines Berichtes über die Daffodil-Affäre Abstand zu nehmen und die ganze Angelegenheit dem Vergessen zu übergeben? Die bloßen Fakten des Falls sind schließlich kaum von ausreichender Bedeutung, um eine Veröffentlichung zu rechtfertigen: Die hohe Sterblichkeitsrate unter den mit dem Daffodil-Vertrag betrauten Rechtsberatern; die Identität jener weiß gekleideten Gestalt, die in der Walpurgisnacht auf den Klippen gesichtet wurde; wie es dazu kam, dass Julia eines Morgens am Strand von Jersey im Abendkleid verhaftet wurde - von welch ernsthaftem Interesse oder Wert könnte es für meine Leserschaft sein, mehr über diese Angelegenheiten zu erfahren? Und dennoch: Der Fall demonstriert auf so bemerkenswerte Weise die Methoden, mit denen die Wissenschaft selbst in unbedeutenden Fragen die Irrlehre entlarven und die Wahrheit enthüllen kann, dass er vielleicht nicht nur lehrreich für die Öffentlichkeit ist, sondern auch anderen Wissenschaftlern als bitter nötige Ermutigung dienen könnte. Folglich habe ich mich trotz aller Bedenken überzeugen lassen, dass es nicht recht wäre, Ihnen diesen Bericht vorzuenthalten. Als ich vor Ostern nach London fuhr, lag es mir fern, mich von den der Wissenschaft geziemenden Nachforschungen ablenken zu lassen. Mein einstiger Schüler, Timothy Shepherd, heute praktizierender Barrister am Kanzleigericht, war aufgrund beruflicher Verpflichtungen und seiner Arrangements für die Osterferien gezwungen, London für etwa drei Wochen zu verlassen. Er hatte mir angeboten, während dieser Zeit seine Wohnung auf der Middle Temple Lane nach Bedarf zu nutzen. Tatsächlich machten meine Recherchen gerade häufige Besuche im Public Record Office notwendig, die von Oxford aus kaum durchführbar waren, und so akzeptierte ich seine Einladung so bereitwillig wie dankbar. Natürlich bedauerte ich, dass Timothy selbst nicht anwesend sein würde, denn er war ein äußerst großzügiger Gastgeber. Doch die Freundschaft, die mich seit langem mit den anderen jungen Mitgliedern seiner Kanzlei in Nr. 62 New Square verband, versprach angenehme Gesellschaft, wann immer ich meine Arbeit unterbrechen und Zerstreuung suchen sollte. Bei meiner Ankunft in der Hauptstadt warnte mich nichts vor den finsteren Machenschaften, in die ich schon bald verstrickt werden sollte. Die Sonne schien auf Lincoln's Inn Fields, die Azaleen blühten in den Gärten am New Square, die Barrister, die in Perücke und Talar die Carey Street entlangeilten, debattierten über die aktuelle Frage, wer wohl dieses Jahr »die Seide« bekommen würde. Wie meinen Lesern zweifellos bekannt ist, verkündet der Lord Chancellor alljährlich am Gründonnerstag, wer aus den Reihen der Barrister in den ehrwürdigen und lukrativen Rang eines Anwalts der Krone aufsteigen soll. Wenn meine jungen Freunde in Nr. 62 New Square nicht gerade damit beschäftigt waren, sich über die unzulänglichen Honorare zu beschweren, die ihr Bürovorsteher Henry mit ihren Auftraggebern ausgehandelt hatte, gingen sie ganz und gar unschuldigen und für Anwälte durchaus typischen Aktivitäten nach: Selena Jardine, wenn ich mich recht entsinne, war mit einem langwierigen und erbittert geführten Prozess bezüglich der Rechte der Schuldscheininhaber einer Gesellschaft des öffentlichen Rechts beschäftigt; Desmond Ragwort stellte die notwendigen Dokumente zur Übertragung des Eigentums an gewissen Ländereien im West Country zusammen; Michael Cantrip war mit diversen Rechtsstreitigkeiten vor verschiedenen Bezirksgerichten befasst. In der Steuerrechtskanzlei nebenan studierte Julia Larwood in aller Ruhe die neuesten Gesetzesvorlagen zum Finanzrecht. Kurzum, alles verlief der Jahreszeit und der Natur der Dinge entsprechend und wich in keiner Weise von der natürlichen Ordnung der Dinge ab, wie man sie vielleicht als Ankündigung verborgener Gefahren und mysteriöser Todesfälle erwarten sollte. Zumindest erschien es mir so. Natürlich war mir nicht bewusst, wie eigenartig es war, dass Cantrip auf die Kanalinseln geschickt wurde. *-*-* 1. Kapitel »Nein, nein, lassen Sie mich los, oder ich schreie«, rief die hinreißende Elaine. Ihre schönen Augen füllten sich mit Tränen und ihre Brust bebte unter der dünnen Seide ihrer Bluse, während sie sich aus der widerlichen Umarmung des brutalen Bürovorstehers zu befreien suchte. »Schrei so viel du willst, du dumme Gans«, knurrte der Bürovorsteher, sein abscheuliches Gesicht zu einem boshaften, lüsternen Grinsen verzerrt. »Hier ist niemand mehr, der dich hören könnte.« Doch in diesem Moment erschien an der Bürotür die aristokratische Gestalt des liebenswürdigen, brillanten jungen Barristers Martin Carruthers. »Da irren Sie sich, Toadsbreath, Sie schleimige Kröte«, sagte er mit charmanter Verachtung. »Nehmen Sie augenblicklich Ihre schmuddeligen Hände von Elaine. Sie mag nur die Aushilfssekretärin sein, aber sie ist ein zu reines und edles Geschöpf, um von Ihresgleichen berührt zu werden.« »Mr Carruthers, Sir, ich dachte, Sie wären schon gegangen, Sir«, stammelte Toadsbreath und wand sich wie ein geprügelter Köter angesichts der Verachtung des jungen Anwalts. Elaine betrachtete Carruthers, ihre hübschen Augen waren voller Bewunderung. *** Cantrip und Julia arbeiteten gemeinsam an einem Roman, der auf ihren Erfahrungen aus dem Anwaltsleben basieren und den Titel Gericht! tragen sollte. Sie waren überzeugt, dass di& Grynne, haben es aber bislang versäumt, ihr diese auszuhändigen.« »Ich glaube nicht, dass sie sie behalten wollen«, meinte Cantrip. »Aber sind wir doch mal ehrlich: wenn man eine hochnäsige Firma wie Stingham mit der Testamentsvollstreckung beauftragt und dann stirbt und ein Vermögen von zwölfhundert Pfund hinterlässt, wird diese Angelegenheit nicht gerade als höchste Priorität betrachtet.« »Das arme Mädchen hat zuerst Henry um Rat gefragt. Der meinte, die Sache sei es nicht wert, einen großen Wirbel zu machen. Natürlich, weil er sich bei einer der führenden Solicitor-Firmen nicht unbeliebt machen wollte. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich schließlich an Cantrip.« »Na ja, Verzweiflung trifft es vielleicht nicht ganz«, schränkte Cantrip ein. »Aber sie war ziemlich sauer. Lilian hatte diesen Onkel zwar seit ihrer Kindheit nicht mehr gesehen - er gehörte zu der Sorte, die auszieht, um ein Vermögen zu machen, und alle zehn Jahre mal aufkreuzt, um sich einen Fünfer zu borgen -, aber sie fand es doch furchtbar nett von ihm, dass er ihr diese Bücher vermachen wollte, und irgendwie schrecklich, dass sie sie jetzt doch nicht bekommen sollte. Die Geschichte knüpfte eine Art Band zwischen uns, denn genauso habe ich mich gefühlt, als mein Onkel Hereward mir zum vierzehnten Geburtstag ein Luftgewehr schenkte und es mir wieder weggenommen hat, nur weil ich ein paar Fensterscheiben zertrümmert habe.« »Und du konntest ihr helfen?«, fragte ich. »Oh, natürlich«, antwortete Cantrip. »Bei Stingham arbeitet ein Mädel namens Clemmie Derwent, eine alte Freundin von mir - wir waren zusammen in Cambridge. Also hab ich sie angerufen und gebeten, mal ein bisschen Bewegung in die Sache zu bringen, um der guten alten Zeiten willen. Jetzt kann die Herausgabe der Bücher jeden Moment geschehen. Also denkt Lilian, ich bin ein Genie, und Henry ist stinkwütend.« »Das muss dich doch außerordentlich erfreuen«, meinte ich. »Nun ja, in gewisser Weise schon«, sagte Cantrip mit einem zweifelnden Blick. »Das Problem ist nur, wenn Henry sauer ist, kann er einem das Leben ziemlich schwer machen. Auf einmal hat man keine Honorareingänge mehr und die einzigen Mandate, die man noch bekommt, betreffen die Vertretung von Prozesskostenhilfeempfängern vor irgendwelchen Provinzgerichten nahe der schottischen Grenze. Und jetzt hat er mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, was den netten kleinen Urlaub angeht, den ich auf Jersey machen wollte. Clemmie Derwent will, dass ich am Freitag nach Ostern dort hinkomme, um ihre Mandanten in irgendeiner Treuhandgeschichte zu beraten, und ich soll bis zum darauffolgenden Montag bleiben. Also hab ich mir gedacht, es wäre doch naheliegend, den Rest der Woche dort am Strand zu sitzen und Sandburgen zu bauen. Aber jetzt hat Henry eine Vertretung vor dem West London County Court für Dienstagnachmittag angenommen und er sagt, er kann es sonst niemandem übertragen, also muss ich zurückkommen. Ich gehe jede Wette ein, dass er das mit Absicht gemacht hat.« »Willst du damit sagen, dass Clementine Derwent dich in einem Fall auf Jersey hinzuzieht?«, fragte Julia neugierig. »So ist es«, bestätigte Cantrip. »Ich habe nicht die geringste Ahnung, worum es geht.« »Verstehe ... Wie nett.« Julia sprach diese Worte mit einer Kälte aus, die meines Erachtens eine weitaus differenziertere Erklärung verdient hätten. Ich war verwundert und konnte mir nicht vorstellen, was der Grund für ihren abrupten Stimmungswechsel sein sollte. Vielleicht hatte sie beschlossen, im Dienste der Kunst die eisige Herablassung, die ihre Heldin auszeichnete, in propria persona zu erproben? Ihr Ton war zweifellos der einer gut erzogenen englischen Dame, und sollte wohl klarstellen, dass sie eine Szene machen würde, wenn sie weniger gut erzogen oder weniger englisch wäre. Hätte ich nicht gewusst, wie lange es schon her war, dass sie und Cantrip in einem Verhältnis zueinanderstanden, das manchmal ein solches Gefühl hervorbringt, ich hätte mich des Verdachts kaum erwehren können, dass Julia eifersüchtig war. »Sag mal, bist du sauer wegen irgendwas?«, wollte Cantrip wissen. »Nein«, erwiderte Julia. »Natürlich nicht.« »Doch, bist du«, widersprach er. »Worüber bist du verstimmt?« »Mein lieber Cantrip, ich sagte bereits, dass ich keineswegs verstimmt über irgendetwas bin.« »Also schön, und was genau ist es, worüber du nicht verstimmt bist?« »Wenn du es genau wissen willst: Ich bin insbesondere nicht verstimmt darüber, dass Clementine Derwent dich mit einem Mandat beauftragt, das einen Fall in Jersey betrifft. Clementine hat das Recht zu beauftragen, wen sie will, und ich hoffe, ihr Mandant ist von der Originalität ihrer Wahl des Rechtsberaters ebenso beeindruckt wie ich.« »Also jetzt mal Klartext, Larwood«, forderte Cantrip. »Was soll das heißen?« »Angesichts unserer langjährigen Freundschaft wirst du mir hoffentlich verzeihen, wenn ich sage, dass du nicht unbedingt als Kapazität für Steuerfragen giltst.« »Nein, natürlich nicht. Jedes Mal, wenn ich versuche, ein Steuergesetz zu lesen, wird mir ganz flau und ich muss mich hinlegen, so ähnlich wie du, wenn du ein Erste-Hilfe-Buch in der Hand hast. Aber was hat das mit meinem Trip nach Jersey zu tun? Niemand hat gesagt, dass die Sache irgendwas mit Steuern zu tun hat.« »Mein lieber Cantrip, in Jersey hat alles mit Steuern zu tun. Das ist der alleinige Daseinszweck dieser Insel.« »Aber nur weil es eine Steueroase ist ...« »?Offshore-Finanzzentrum? ist der in höflichen Kreisen bevorzugte Terminus.« »Nur weil es ein Offshore-Dingsda ist, heißt das doch noch lange nicht, dass sie nicht auch Rechtsfälle in anderen Bereichen haben. Es gibt doch jede Menge Kühe da, oder? Vielleicht ist es ein Streit um das Eigentum an einem Kuhstall.« »Das fiele unter die Gesetze von Jersey, soll heißen unter das altehrwürdige Gewohnheitsrecht des Herzogtums Normandie und würde somit von einheimischen Juristen auf Jersey vertreten. Englische Anwälte werden in Jersey nur dann in Anspruch genommen, wenn steuerrechtliche Gesichtspunkte von zentraler Bedeutung sind. Darum ist es üblich, verstehst du, in solchen Angelegenheiten einen Barrister zu beauftragen, der mit dem Steuerrecht eine zumindest flüchtige Bekanntschaft unterhält. In weniger origineller Stimmung würde Miss Derwent daher jemand anderen beauftragen ... mich, zum Beispiel.« Meine Verwunderung schwand. Die Kränkung einer von ihrem Liebsten verschmähten Frau ist nichts im Vergleich zu der eines Barristers, dem die Aufträge einer führenden Solicitor-Kanzlei abspenstig gemacht werden. Cantrip, der jetzt ebenfalls erkannte, wo das Problem lag, beeilte sich, Julia mit aller ihm möglichen Eloquenz zu besänftigen. »Jetzt hör mal, Larwood, ich habe dich im Lauf der Jahre eine Menge Mist reden hören, aber das, was du dir jetzt zusammenfaselst, schlägt alles bisher Dagewesene. Schalt dein Hirn ein, um Himmels willen. Selbst wenn Clemmie plötzlich keine Lust mehr hätte, dir ihre Steuergeschichten zu übertragen, glaubst du doch wohl nicht im Ernst, dass sie sie mir geben würde, oder? Clemmie ist keine Idiotin, sie würde einen anderen Steueranwalt nehmen.« »Das ist nicht gänzlich von der Hand zu weisen«, räumte Julia ein, schon wieder halbwegs versöhnt. »Wahrscheinlich will Clemmie mir irgendwas grauenhaft Langweiliges aufs Auge drücken: Vielleicht soll ich in irgendeinem grässlichen Büro zweihundert Ordner mit Korrespondenz durchforsten od