Tod inklusive
Tanya Carpenter
Melody war nun wirklich nicht der Typ, der im Urlaub gerne Grüppchen mit anderen Hotelgästen bildete. Eigentlich war sie am ersten Abend sogar recht genervt gewesen, als die beiden einzigen freien Plätze beim Animations-Unterhaltungsprogramm am Tisch von Judith und Werner Kloß aus Köln gewesen waren. Aber Paul, ihr Freund, sah das lockerer und fragte höflich, ob sie sich dazusetzen dürften. Das Ehepaar in den Fünfzigern sagte freundlich ja und war sofort angetan von dem jungen Pärchen. Wider Erwarten wurde es ein schöner Abend. Judith und Werner zeigten sich interessiert, aber keineswegs aufdringlich. Erzählten viel von sich und wie sie sich kennengelernt hatten, aber ohne langweilig daherzuplappern und permanent in Erinnerungen an die schöne alte Zeit zu schwelgen.
Melody und Paul entdeckten einige Gemeinsamkeiten mit den älteren Leuten, und kurzerhand schlossen sich beide Paare trotz des Altersunterschiedes zusammen.
Das war vor drei Tagen gewesen. Seitdem frühstückten sie gemeinsam, weil alle vier Frühaufsteher waren. Und sie unternahmen auch zusammen Ausflüge – was diese gleichzeitig günstiger machte. Für den heutigen Tag war eine Fahrt zu den Pyramiden vorgesehen. Da der Zeitplan bei den Bustouren immer viel zu eng war, schlug Judith vor, einen privaten Führer zu engagieren. Durch vier geteilt kam das nicht teurer als die Tour mit der Reiseleitung. Mithilfe des Hotelrezeptionisten hatte sie sogar jemanden gefunden, der Deutsch sprach.
„Ich habe gehört, dass man sogar auf die Pyramide hinaufklettern kann“, erzählte Judith begeistert am Tisch, während Werner gerade seinen Teller am Büffet neu füllte. In Melodys Augen tat er das ein bisschen oft. Sie war gelernte Krankenschwester und Werner war mehr als nur leicht adipös. Außerdem hatte er ein Herzproblem, das ihn zum Frührentner gemacht hatte. Aber Paul verbot ihr entschieden, etwas zu sagen. Sie waren im Urlaub, und Werner und Judith alt genug, um selbst zu wissen, was sie taten. Da durfte sich Melody nicht einmischen, bloß weil sie ihren Job nie gänzlich loslassen konnte. Zerknirscht hatte Melody ihrem Freund versprochen, nichts zu sagen. Aber die Vorstellung, wie Judith ihren kurzatmigen Gatten auf den Gipfel einer Pyramide jagte, ging ihr dann doch zu weit.
„Meinen Sie nicht, dass das ein bisschen anstrengend für Werner sein könnte? Er ist ja nicht mehr der Jüngste und gestern auf dem Markt …“
Melody erhielt unterm Tisch einen Tritt von Paul gegen ihre Wade und verstummte. Dabei sagte sie doch nichts Falsches. Werner war gestern kurz vor einem Kollaps gewesen, die Lippen schon blau. Wenn sie ihn nicht in den Schatten gebracht und ihm ein Glas Wasser besorgt hätte, läge er heute vielleicht im Krankenhaus. Erschrec