Hans Sonntag
Hallo, lieber Vater, lange haben wir uns nicht mehr gesehen, aber jetzt endlich haben wir Zeit, viel Zeit, um miteinander in aller Ruhe zu sprechen! Vor allem möchte ich gern von dir erfahren, wo die Wurzeln deiner elterlichen Familie zu finden sind, in Schlesien, in Breslau oder in einer anderen östlichen Gegend? Ich weiß absolut nichts über meine Urgroßeltern, welchen Beruf sie ausübten, wo sie lebten und arbeiteten, welcher Gesellschaftsklasse sie angehörten und ebenso über meine Großeltern, also über deine Eltern, weiß ich nur ganz wenig. Sie hatten eine Lederfirma, ein Ledergeschäft oder was auch immer in Breslau und besaßen eine schöne Wohnung am Sonnenplatz, in der du dein Zuhause hattest. Mit meinem vierjährigen Sohn Stephan, deinem Enkelkind, suchte ich 1971 nach diesem Haus in Wroclaw, aber das gesamte Wohnhausareal um den Sonnenplatz war gar nicht mehr vorhanden. Es gab nur unbebaute Flächen, keine Bäume, keine Bänke, nur eine bedrückende Leere, ich fand keinerlei Anhaltspunkte von deinem einstigen Lebensumfeld. Der Krieg hatte alles ausradiert, aber deine Eltern wurden noch rechtzeitig evakuiert, bevor die Stadt zur „Festung“ erklärt wurde? Sie landeten per Zug in der Nähe der holländischen Grenze? Warst du bei Ihnen, hast du ihnen behilflich sein können, denn viele Dinge konnten sie wohl sicherlich nicht mitnehmen, oder? Meine Frau Ursula hat deine Mutter 1969 oder 1970 noch kennengelernt, als sie wegen einer zeitlich begrenzten Invalidität, für kurze Zeit zu euch in den Westen reisen durfte. Aber dein Vater, Richard, lebte schon nicht mehr. Ich durfte natürlich nicht mit meiner jungen, invaliden Ehefrau in dem Westen reisen. Eigentlich unmenschliche Verhältnisse, in denen wir lebten, oder?
Also, machen wir es uns in der