1. Buch
Die Amaler
EVRALD
ANNO CCCLXXV
Es war heiß – sehr heiß. Ich lag im Schatten des Vordaches. Alle anderen – Eltern, Geschwister, Großeltern und weitere Anverwandte, Knechte, Sklaven hatten sich irgendwo verkrochen: Im Haus, in der Scheune, im Stall, im Garten, unter den Bäumen.
Die Luft sirrte. Sie verwischte die Umrisse unseres Hauses und der Hütten. Die Palisaden – die das Gehöft schützten – waren kaum zu erkennen. Das Tor stand offen – als sollte frische Luft herein kommen, von draußen, von der Ebene am Schwarzen Meer.
Dort lebten wir schon lange – so erzählten es die Alten. Von Norden wären wir gekommen, dort wo das andere Meer ist, das grausame Meer, das alles überflutet hatte. Die Felder wurden unfruchtbar und alle haben Hunger leiden müssen, viele starben, Männer, Weiber, Kinder – die Alten und die Jüngsten zuerst. Dann waren sie aufgebrochen und hatten hier in der fruchtbaren Ebene des Südens eine neue Heimat gefunden. Niemand musste dafür wegziehen, aber es waren schon vor uns Menschen hier gewesen: Gebeine, Scherben und anderes wurden beim Hausbau gefunden. Aber sie waren nun weg und wir hier.
Wir waren schon viele Winter und Sommer hier, so erzählten es die Alten. Wir – das ist unser Stamm, und wir sind ein Zweig der Amaler. Damit gehörten wir zu Familie des Königs Ermanarich. Aber dessen Sitz war weit von uns entfernt, und Großvater hatte auch nie das Bedürfnis gehabt, dort zu erscheinen. Es sei denn, es war Krieg oder es sollten Raubzüge zu den Sarmaten, Heruler oder Alanen hin sein; dann zog er mit seinem Gefolge zum König und brachte immer reiche Beute mit. Nun hatte Großvater meinem Vater alle Rechte übertragen, denn er fühlte sich nicht mehr stark genug, das Schwert zu führen.
Mein Kopf sank nach vorn, ich wurde müde. Ich drehte mich um und blickte nach oben zum Gebälk des D