: Heinrich Mann
: Professor Unrat Roman
: apebook Verlag
: 9783961304851
: Heinrich Mann, Werke
: 1
: CHF 2.60
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: Erzählende Literatur
: German
Professor Raat genießt bei seinen Schülern kein hohes Ansehen. Diese haben ihm den Spitznamen 'Unrat' gegeben, was er als persönlichen Affront empfindet. Er betrachtet jeden Schultag als Kampf gegen seine Feinde, die Schüler, und nutzt unmögliche Aufgaben als Mittel zum Sieg. Zu Raats ärgsten Widersachern gehört der 17-jährige Lohmann, der durch sein schnelles Denken einer Strafe entgehen und seinen Lehrer erzürnen kann. Raat entdeckt im Heft des Schülers ein Gedicht, das an 'Fräulein Rosa Fröhlich' adressiert ist, und macht sich auf die Suche nach ihr. Im 'Blauen Engel' findet er ein Plakat, das für die 'Barfußtänzerin' Rosa Fröhlich wirbt. Außerdem entdeckt er einige seiner Studenten in diesem Etablissement. Um nicht selbst von ihnen entdeckt zu werden und dadurch in einen falschen Verdacht zu geraten, flüchtet sich Raat in die Garderobe der Tänzerin, wo er ihr befiehlt, seine Studenten nicht länger zu verderben und die Stadt sofort zu verlassen. Doch diese zeigt sich wenig beeindruckt von den Argumenten des Professors. Stattdessen schenkt sie ihm Wein ein und führt ihrerseits sehr viel überzeugendere Argumente ins Feld, denen sich der gebildete Mann nur schwerlich widersetzen kann... 'Professor Unrat' ist eines der wichtigsten Werke Heinrich Manns und hat durch Verfilmungen, vor allem 'Der blaue Engel' mit Marlene Dietrich, Berühmtheit erlangt. Das Buch karikiert das Bildungssystem der Mittel- und Oberschicht im wilhelminischen Deutschland und die Doppelmoral der Titelfigur.

II


Auch Unrat aß, und dann legte er sich auf das Sofa. Aber wie es alle Tage ging, warf im rechten Moment, als er einnicken wollte, nebenan seine Haushälterin ein Geschirr hin. Unrat fuhr auf und griff sofort wieder nach Lohmanns Aufsatzheft, während er sich rosa färbte, als läse er das die Scham Verletzende, das darin stand, zum erstenmal. Dabei ließ es sich schon gar nicht mehr schließen, so sehr auseinandergebogen war es an der Stelle, wo die »Huldigung an die hehre Künstlerin Fräulein Rosa Fröhlich« sich befand. Der Überschrift folgten einige unleserlich gemachte Zeilen, dann ein freier Raum und dann:

»Du bist verderbt bis in die Knochen,

Doch bist du 'ne große Künstlerin;

Und kommst du erst mal in die Wochen –«

Den Reim hatte der Sekundaner noch zu finden. Aber der Konditionale im dritten Vers sagte viel. Er ließ vermuten, Lohmann sei an ihm persönlich beteiligt. Dies ausdrücklich zu bestätigen, war vielleicht die Aufgabe des vierten Verses gewesen. Unrat machte zur Erratung dieses fehlenden vierten Verses grade solche verzweifelten Anstrengungen, wie seine Klasse gemacht hatte zur Auffindung der dritten Bitte des Dauphins. Der Schüler Lohmann schien sich, durch diesen vierten Vers, über Unrat lustig zu machen, und Unrat rang mit dem Schüler Lohmann, in wachsender Leidenschaft, voll des dringenden Bedürfnisses, ihm zu zeigen, er selbst sei zuletzt doch der Stärkere. Er wollte ihn schon hineinlegen!

Die noch unförmlichen Entwürfe künftiger Handlungen bewegten sich in Unrat. Sie ließen ihn nicht mehr stillhalten, er mußte seinen alten Radmantel umhängen und ausgehn. Es regnete dünn und kalt. Er schlich, die Hände auf dem Rücken, die Stirn gesenkt, und ein giftiges Lächeln in den Mundfalten, um die Lachen der Vorstadtstraße herum. Ein Kohlenwagen und ein paar kleine Kinder, sonst begegnete ihm nichts. Beim Krämer an der Ecke hing hinter der Tür eine Ankündigung des Stadttheaters: Wilhelm Tell. Unrat, von einer Idee getroffen, schoß mit eingeknickten Knien darauf zu ... Nein, eine Rosa Fröhlich kam auf dem Zettel nicht vor. Trotzdem konnte jene Frauensperson in diesem Kunstinstitut beschäftigt sein. Herr Dröge, der Krämer, der das Programm an sein Fenster hing, war vermutlich in den einschlägigen Dingen bewandert. Unrat hatte schon die Hand auf dem Türgriff; aber er holte sie erschrocken zurück und machte sich davon. Nach einer Schauspielerin fragen, in seiner eigenen Straße! Er durfte die Klatschsucht solcher tiefstehenden, in den humanistischen Wissenschaften unerfahrenen Bürger nicht außer Acht lassen. Bei der Entlarvung des Schülers Lohmann mußte Unrat geheim und geschickt zu Werke gehn ... Er bog in die Allee nach der Stadt.

Gelang es ihm, dann zog Lohmann im Sturz auch von Ertzum und Kieselack nach sich. Vorher wollte Unrat dem Direktor keine Anzeige erstatten darüber, daß man ihn bei seinem Namen genannt hatte. Es würde sich von selbst zeigen, daß Solche, die das taten, auch jeder andern Unsittlichkeit fähig waren. Unrat wußte es; er hatte es an seinem eigenen Sohn erfahren. Diesen hatte Unrat von einer Witwe, die ihn einst als Jüngling mit den Mitteln zu fernerem Studium versehen hatte, die er dafür vertragsmäßig, sobald er im Amt war, geheiratet hatte, die knochig und streng gewesen war, und nun tot war. Sein Sohn sah nicht schöner aus als er selbst, und war überdies noch einäugig. Trotzdem hatte er sich als Student bei Besuchen in der Stadt, auf offenem Markt mit zweideutigen Frauenzimmern blicken lassen. Und wenn er einerseits in schlechter Gesellschaft viel Geld vertat, so war er ander