: Laura Laberge
: Eine Spur von Leben Kriminalroman
: Books on Demand
: 9783756277902
: 1
: CHF 7.90
:
: Spannung
: German
: 372
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wer hat Patrick Joubert ermordet und dessen Freund Saadane entführt? Die beiden hatten in ein großes Wespennest gestochen: Menschenhandel mit Flüchtlingsfamilien. Eine Gruppe von nicht manipulierbaren Personen, die den Mord an Patrick aufklären und Saadane vor dem gleichen Schicksal bewahren wollen, begeben sich in höchste Gefahr, denn die Drahtzieher des organisierten Verbrechens schrecken vor nichts zurück, um ihre eigene Anonymität zu bewahren. Das Leben aller Beteiligten gerät ins Wanken. Eine leidenschaftliche Romanze stürzt zudem die beiden Hauptfiguren in arge Gewissensnöte.

Ein neuer Kriminalroman der luxemburger Autorin, die unter Pseudonym schreibt."Meine Romane sollen immer eine Mischung von Romantik, Spannung und Abenteuer beinhalten."

Richard


Diesen Gedanken setzte Jana gleich am folgenden Montag in die Tat um.

Während sie das Telefon in die Hand nahm, überschlich sie doch ein etwas mulmiges Gefühl. Dreizehn Jahre waren es her, seit sie das letzte Mal mit ihm gesprochen hatte. Sie wählte die Nummer.

„Faculté René Descartes“, meldete sich die Rezeptionistin am anderen Ende der Leitung. „Guten Tag, ich möchte gerne mit Professor Richard Winther sprechen.“

„Ja, einen Augenblick bitte. Ich verbinde Sie mit seiner Sekretärin.“

Janas Herz schlug schneller. Sie ging auf und ab, das Telefon in der Hand. Es war ihr unmöglich, jetzt still zu sitzen. Was wird er sagen?

Die Sekretärin fragte sie nach ihrem Namen und der Ursache ihres Anrufs.

„Es ist privat.“

„Einen Augenblick, ich verbinde.“ Es dauerte noch eine Weile.

„Winther.“

Ja, das war unverkennbar seine Stimme. Jana erkannte sie sofort; dabei stellte sie sich ihn vor, wie er hinter seinem Schreibtisch saß, im weißen Kittel, Jeans, Brille, zurückgelehnt im Sessel.

„Hallo Richard … hier ist Jana. Jana Frederiksen.“

Einen Moment war es still. „Hallo …“, wiederholte sie.

„Jana? Das ist aber eine Überraschung … Wie geht es dir? Du bist doch nicht etwa krank?“

„Nein, nein. Es geht mir gut. Störe ich?“

„Überhaupt nicht... Wie lange ist das her?

Ist etwas passiert?“, fragte er etwas besorgt.

„Nein, nun … ja und nein. Ich rufe dich eigentlich an, weil ich eine professionelle Meinung über einen Autopsiebericht brauche. Aber sag mir, wie geht es dir nach all den Jahren?“

„Es geht mir gut. Ich arbeite viel, zu viel manchmal. Aber ich liebe meine Arbeit, wie du weißt!“

„Ich sah dich – ich weiß nicht mehr, wie lange das her ist – im Fernsehen, als du die Auszeichnung für eine bestimme Forschungsarbeit erhieltest.“

„Ah ja, das war vor knapp zwei Jahren“, antwortete Richard. Seine Stimme genügte, um in Jana die angenehmsten Erinnerungen zu wecken. „Ein Autopsiebericht, sagst du. Ist jemand aus deiner Familie gestorben?“

„Es ist eigentlich der Freund eines Freundes. Er ist sehr plötzlich gestorben, und da seine Todesursache etwas dubios erscheint, wurde ein Autopsiebericht angefordert, den wir nicht so recht deuten können. Und ich dachte, vielleicht könntest du ihn dir kurz ansehen … und mir dann etwas Genaueres dazu sagen …„

Jana erzählte ihm die näheren Zusammenhänge in groben Zügen, und wie es zu Patricks unerwartetem Tod kam.

Sie teilte ihm auch mit, dass sie am kommenden Mittwoch für ein paar Tage nach Paris reisen würde, um an einem Fortbildungskurs für Therapeuten teilzunehmen.

„Vielleicht könnte ich den Bericht mitbringen, und du könntest ihn dir ansehen.“

Richard überlegte. „Warum tun wir nicht Folgendes: Du schickst mir eine Kopie des Berichtes zu, ich lese ihn in aller Ruhe durch, und wir sehen uns dann, wenn du in Paris bist und du Zeit hast, zum Essen. Dann könnten wir darüber reden.“

„Ja, das ist eine ausgezeichnete Idee!“, antwortete sie, bevor ihre Zweifel sie zu einer anderen Antwort hätten verleiten können.

Anschließend musste Richard Winther das Gespräch beenden, er hatte einen Vortrag zu halten, der in zehn Minuten beginnen sollte.

„Wir sehen uns dann am Mittwoch Abend um 19 Uhr im Restaurant La Petite Cour in St-Germain. Du findest es?“

„Absolut! Bis dann, Richard, ich freue mich. Und ... vielen Dank für alles!“

Der Gedanke, ihn nach all den Jahren wiederzusehen stimmte sie trotzdem etwas melancholisch.

Mittwoch, 25. April

Jana packte ihre Reisetasche, nachdem sie Alec angerufen hatte, um ihm schöne Ferien zu wünschen. Er hatte kurzerhand zwei Wochen Madeira gebucht.

„Ich brauche eine Insel um mein Buch zu beenden. Ich kann mich hier einfach nicht konzentrieren. Und ich brauche Sonne. Tu mir einen Gefallen, Kleines. Bitte stell keine Ermittlungen auf eigene Faust an! Das mit dem Autopsiebericht geht in Ordnung, aber ansonsten warte, bis ich zurück bin. Ich kenne Saadanes Tatendrang. Doch falls sich seine Befürchtungen oder Vermutungen bewahrheiten, dann könnten diese Leute sehr gefährlich werden, wenn sich jemand in ihre Angelegenheiten mischt.“

„Ja, natürlich. Ich habe nicht vor, Detektiv zu spielen. Ich wüsste ja auch nicht einmal, wo ich ansetzen sollte.“

„Genieße deine Tage in Paris mit Andrea, das Wiedersehen mit Richard, obwohl ...“

„Obwohl was?“

„Ach, nichts. Du, mein Flug wird aufgerufen. Wir sehen uns in zwei Wochen. Halt die Ohren steif!“

Gegen Mittag fuhr Jana los und erreichte das Seminarzentrum in Paris am späten Nachmittag. Es lag etwas außerhalb des Stadtkerns.

Sie hatte noch eine gute Stunde Zeit um auszupacken, sich etwas zu erfrischen und ihrer Tochter anzurufen, bevor sie mit der Metro zum Quartier Latin fuhr. Sie fühlte sich leicht nervös bei dem Gedanken, Richard wiederzusehen.

Jana betrat das Restaurant. Sie trug ein schwarzes Strickensemble bestehend aus einem Pullover und einem wadenlangen Rock. Dazu einen breiten, hellbraunen Ledergürtel, passend zu ihrer Handtasche und den halbhohen Stiefeln. Darüber einen langen, hellbraunen Mantel.

Die Bedienung begrüßte sie freundlich und führte sie in den Speisesaal. Sie sah ihn gleich, er saß am Tisch in der hinteren Ecke. Als er sie erblickte, stand er sogleich auf und ging auf sie zu. Er umarmte sie mit seinem unverkennbaren, charmanten Lächeln. Wie gut sie das noch in Erinnerung hatte! Richard trug einen dunkelblauen Pullover über einem weißen Hemd, eine Jeans, Lederschuhe. Sein Haar schimmerte silbergrau. Es war ein attraktives Grau.

„Jana, schön dich wiederzusehen, nach all den Jahren. Komm, nimm Platz.“ Er half ihr aus dem Mantel und bot ihr den Stuhl an.

„Hallo, Richard. Du hast dich gar nicht verändert“, sagte sie lächelnd.

Wie eigenartig, dachte Jana und blickte ihn an. Plötzlich saßen sie einander wieder gegenüber. So wie damals. Wo waren all die Jahre hingezogen? Jetzt war er ihr wieder so nah. Der Mann, den sie all die Jahre trotz ihrer Heirat mit Paul nie ganz vergessen konnte. Der Mann, für den sie damals alles aufgegeben hätte, wenn er nur ein Wort gesagt hätte.

„Du hast dich fast nicht verändert“, begann er. „Du siehst noch genauso aus wie damals, genauso schön. Und dein Haar ist noch immer so lang wie früher. Es steht dir sehr gut.“

„Danke.“ Sie lächelte etwas verlegen. „Nun, ich habe meine Berufsrichtung etwas geändert. Ich arbeite jetzt als Therapeutin, mit eigener Praxis.“

„Keine Ernährungsberatung mehr?“

„Ab und zu, wenn es sich ergibt.“

Der Kellner brachte die Speisekarte. Richard empfahl ein Fischgericht.

„Kommst du öfters hierher?“, wollte Jana wissen.

„Eigentlich schon. Die Küche ist wunderbar, aber urteile am besten selbst.“

„Ich lass mich gerne überraschen“, sagte Jana und ließ Richard die Bestellung aufgeben.

Der Kellner servierte den Wein.

„Prost! Auf unser Wiedersehen ..“„Auf unser Wiedersehen,!“

„Was meine Arbeit anbelangt ... Du kennst mich ja. Ich liebe meinen Beruf. Und privat ...“ Er wurde etwas nachdenklich. „Ich ... das heißt wir ... haben uns vor zwei Jahren getrennt, meine Frau und ich, wir sind nicht geschieden, weil ... Und du, hast du geheiratet?“

„Ja, ich hatte geheiratet, doch Paul starb bei einem Autounfall vor fünf Jahren.“

„Das tut mir leid.“ Richard berührte ihre Hand für einen Augenblick.

„Kinder?“

Das war die empfindliche Frage. Schließlich saß sie dem Vater von Andrea gegenüber.

„Ja, ich habe eine Tochter, Andrea. Sie ist ein wunderbares Mädchen.“

„Das kann ich mir gut vorstellen, wenn ich mir ihre Mutter so ansehe ...“, bemerkte er lächelnd.

„Sie wird am Freitagnachmittag hier ankommen, dann kann ich ihr Paris zeigen. Du wirst es nicht glauben, aber sie war noch niemals in Paris!“

„Was? Sie hat die schönste Stadt der Welt noch nicht gesehen? Dann wird es aber höchste Zeit!“

„Es ist ihre erste lange Bahnfahrt ohne Begleitung. Ich bin schon etwas besorgt“, gestand Jana.

„Ach, die jungen Mädchen sind heute schon viel erfahrener als wir zu der Zeit. Du holst sie doch sicherlich vom Bahnhof ab?“

„Ja natürlich.“

„In welchem Hotel wohnt ihr?“

„Im Hôtel de l’Arcade. “

„Liegt gut, ich kenne es. Richtung Madeleine und Opéra.“

„Übrigens, dein Bart steht dir ausgezeichnet!“

Richard hatte einen grauen, kurzen...