Es begann alles schon sehr früh
Eine Depression kann aus vielfältigen Gründen entstehen. Bei mir war es eine Kombination daraus, dass ich eigene Bedürfnisse ignorierte und bewusst überhörte und zugleich eigene Grenzen über einen längeren Zeitraum nicht akzeptierte, auch nicht, als zusätzlich belastende Ereignisse dazukamen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass auch die Prägung in meinen ersten Lebensjahren und in der Jugendzeit zumindest mit dazu beigetragen haben, dass ich eine gewisse Anfälligkeit für die Entwicklung einer Depression hatte.
Schon mein Start ins Leben war holprig. Ich kam als Frühchen auf die Welt und war so bereits zu Beginn meines Lebens eine gewisse Zeit von meinen Eltern getrennt. Ich wurde als drittes von vier Kindern geboren. Meine älteste und meine jüngste Schwester verstarben jedoch unmittelbar nach beziehungsweise unmittelbar vor der Geburt – obwohl sie gesund waren. Es ist müßig, an dieser Stelle die Schuldfrage zu stellen, aber einige Entscheidungen der damals behandelnden Ärzt:innen waren nicht nachvollziehbar.
Bis heute geht mir das Bild des roten Sofas im Krankenhaus nicht aus dem Kopf, auf dem mein Bruder, meine Großeltern und ich saßen, als mein Vater uns die Nachricht vom Tod meiner kleinen Schwester überbrachte. Ich war damals knapp fünf Jahre alt und ich merkte, dass mein Vater traurig war, aber er vermied es zu weinen – jedenfalls vor uns –, was mich verwirrte. Ich glaube, dass ich auch deshalb die Situation noch heute so genau im Kopf habe. Es war für mich eine in diesem Moment nicht auflösbare Ambivalenz, schon fast Widersprüchlichkeit.
Erst viel später erfuhr ich, dass bei beiden Schwangerschaften mit meinen Schwestern auch meine Mutter in Lebensgefahr schwebte, und ich bekam ein Gefühl dafür, wie extrem die Situation für meine Eltern gewesen sein muss. Ich weiß noch, wie ich mir als kleiner Knirps vorzustellen versuchte, wie es ist, wenn ein Mensch tot ist. Da dieses Thema schon für einen erwachsenen Menschen nicht greifbar ist, war es dies für mich natürlich auch nicht – der Gedanke daran machte mir unglaubliche Angst, was ich bis zu meinen ersten Therapieerfahrungen im Erwachsenenalter jedoch niemand anvertraute.
Es war für mich schwer vorstellbar, wo meine kleine Schwester denn nun hinkäme. Sie hatte nicht geatmet und bekam daher kein Grab, anders als meine große Schwester, zu deren Grabstelle wir zusammen mit meinen Eltern gingen; dort starrten wir auf einen recht kahlen Boden, auf dem kein Grabstein stand; der Tod wurde dadurch nicht greifbarer. Meine große Schwester war so früh verstorben, dass sie nicht getauft werden konnte. Sie hätte meinen Namen tragen sollen.
Im Nachhinein glaube ich, dass sich durch den fehlenden Elternkontakt zu Beginn und die mit dem Thema Tod verbundenen Ängste zumindest unterschwellig eine Form von Verunsicherung bei mir entwickelte. Auch später erinnerte ich mich immer wieder an Situationen, die ich ambivalent erlebt hatte und die mich – so meine Theorie heute – ebenso verunsicherten.
Ich kann mich noch gut erinnern, wie schüchtern ich als Kind war. Trotzdem war ich in der Schule gut integriert, hatte einen großen Freundeskreis und auch viel Spaß am Lernen – zurückhaltend war ich eher im Umgang mit Erwachsenen und in Situationen, die ich nicht einschätzen konnte.
Die Schule fiel mir auch inhaltlich nicht schwer. Insgesamt würde ich meine Kindheit als eine glückliche bezeichnen. Mit sechs Jahren begann ich bereits, Tennis zu spielen. Mein vier Jahre älterer Bruder und ich waren als Teenager Schlüsselkinder. Meine Eltern waren beide berufstätig und so kamen wir – als wir alt genug waren – nach der Schule nach Hause und mussten uns selbst beschäftigen. Solange wir zu klein waren, hatte meine Mutter auf ihren Beruf verzichtet, später, als ich zehn Jahre alt war, arbeitete sie halbtags.
Ich eiferte meinem großen Bruder i