Garip Bali
Historische und soziale Verortung
Um die Geschichte der Antifa Gençlik verstehen zu können, müssen wir uns die Situation der Migrant_innen in Deutschland Ende der 80er Jahre vor Augen halten. Die Migrant_innen – damals wurden sie noch Ausländer genannt, was auch als Selbstbezeichnung unüberlegt übernommen wurde – kamen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland. Aus der Türkei waren schon in den 60ern viele als sogenannte »Gastarbeiter« gekommen und nach den Militärputschen von 1971 und 1980 kamen dann auch verstärkt politische Flüchtlinge und Student_innen. Es wurde viel darüber diskutiert, ob man in Deutschland bleiben oder wieder in die Türkei zurückkehren sollte. Dabei gab es eine Spaltung zwischen den Generationen: die Älteren sprachen oft über die Rückkehr, die Jüngeren sahen ihre Zukunft eher in Deutschland, und zwar trotz der Probleme, denen sie sich gegenübersahen: soziale Ausgrenzung und Diskriminierung genauso wie schlechte Ausbildung. Aber man wollte das Beste aus der Situation machen.
Sehr wichtig für das soziale und politische Leben der türkischen und kurdischen Migrant_innen war die Vereinskultur, die in Deutschland aufgebaut wurde. Die Vereine waren für viele Menschen wie familiäre Verhältnisse, sie bildeten ihr soziales Netz. Die Vereine, in denen sich die Linken organisierten, setzten sich zwar aus türkeistämmigen Migrant_innen zusammen, definierten sich aber eindeutig als Orte linker Politik. Der politische Fokus blieb dabei lange Zeit die Entwicklung in der Türkei. Anfang der 1980er Jahre etwa stand außer Frage, dass gegen die Brutalität der Militärdiktatur, der Tausende von Menschen zum Opfer fielen, protestiert werden musste. So versuchten wir durch vielfältige Aktionen, u.a. durch europaweite Hungerstreiks, das Schweigen in der Öffentlichkeit zu durchbrechen.
Im Laufe des Jahrzehnts entwickelten sich dann zwei Hauptströmungen in der türkisch-kurdischen Linken. Es gab einige, die die Hoffnung verloren, was den Kampf in der Türkei betraf; ihnen fehlten die Perspektiven, es machte sich ein Gefühl der Ohnmacht breit und sie begannen, sich auf ihr Leben in Deutschland zu konzentrieren. Viele nahmen sich jetzt primär als Migrant_innen wahr und nicht mehr in erster Linie als Linke. Das führte beispielsweise zur Bereitschaft, mit allen möglichen türkischen Organisationen in Deutschland zusammenzuarbeiten, auch Millî Görüş.
Gleichzeitig gab es Leute, für deren linke Identität zwar weiterhin der Bezug auf bestimmte Bewegungen in der Türkei wesentlich war, die diese Identität aber zunehmend im Kontext ihrer Situation in Deutschland definierten. Schließlich lebten sie dort, viele von ihnen schon lange Jahre. Eine wichtige Frage war in diesem Zusammenhang, wie sich Erfahrungen des linken Kampfes in der Türkei nach Deutschland übertragen ließen. Vor allem die Ansätze der Bewegung »Devrimci Yol« (abgekürzt Dev-Yol, auf Deutsch »Revolutionärer Weg«) wurden dabei aufgegriffen. Devrimci Yol hatte in der Türkei Ende der 1970er Jahren Widerstandskomitees gegründet, um die sozialen Verhältnisse in den Stadtteilen zu verbessern und den faschistischen Terror abzuwehren. Das Konzept, das in der autonomen Linken in Deutschland unter dem Begriff »Freiraum« bekannt wurde, war darin durchaus schon angelegt. Der Dev-Yol ging es darum, Räume zu schaffen, die sich, zumindest partiell, außerhalb des Zugriffs der Staatsmacht befanden. Die Rede von »befreiten Gebieten« machte die Runde. Es ging