Chastity fand Nana unschuldig in der Küche beschäftigt. „Das Essen ist gleich fertig, meine Liebe“, sagte die alte Kinderfrau. „Wirst du ihn losbinden oder muss ich ihn füttern?“
Obwohl Nanas Tonfall freundlich klang, hörte Chastity doch den Tadel heraus. „Wir können ihm nicht trauen, Nana, und wir alle haben zu viel zu tun, um ihn ständig im Auge behalten zu können. Er könnte fliehen und die Beamten geradewegs hierherführen.“
Nana hob den Blick von ihrem Kochtopf. „Das hättet Ihr Euch vielleicht überlegen sollen, bevor Ihr ihn herbrachtet.“ Chastity hob das Kinn. „Ich brauche einen Kutscher.“
„Ah.“ Die alte Frau nahm Teller von der Anrichte und fing an, den Tisch zu decken. Chastity bemerkte, dass sie vier Gedecke auflegte, und Veritys Kind, gerade erst zwei Monate alt, war wohl kaum in der Lage, am Tisch Platz zu nehmen. „Ich denke, Ihr könnt ihm trauen, Lady Chastity“, sagte Nana.
Chastity seufzte. „Vergiss nicht, ich heiße Charles.“ Sie verließ die Küche, um sich mit ihrer Schwester zu beraten. Auf dem Weg durch das zweite Zimmer würdigte sie ihren Gefangenen keines Blickes, legte nur seine Pistole auf eine Kiste und eilte dann leichtfüßig die steile Treppe hinauf. Verity hatte gerade ihr Baby trockengelegt und kleidete es nun unter zärtlichem Geplapper und Kitzeln wieder an.
Chastity fuhr sie an: „Ich verstehe nicht, wie du dich so benehmen kannst, wenn du bedenkst, wer sein Vater ist.“
„Ich denke nicht an seinen Vater“, sagte Verity schlicht. Sie knüpfte das letzte Bändchen des Schlafanzugs, hob das Baby hoch und legte es ihrer Schwester in den Arm. „Schau ihn dir an. Er hat nicht das Geringste mit Sir William Vernham zu tun.“
Das weiche Bündel im Arm geriet Chastity unwillkürlich in den Bann des Babys. „Erist Sir William Vernham“, betonte sie und schnitt Grimassen, die dem Kind zu gefallen schienen.
Verity hielt in ihrer Aufräumarbeit inne. „Ich weiß. Aber er ist anders.“ Grimmig fügte sie hinzu: „Er wird ein völlig anderer Mann sein. Dafür sorge ich. Und nachdem Sir William nun tot ist, dürfte das entschieden einfacher sein.“ Chastity blickte ruckartig auf. „Sprich so etwas niemals in Gegenwart anderer aus, Verity, sonst könnte dein Schwager auf die Idee kommen, von Mord zu reden.“ Verity erbleichte. „Wie könnte er das tun? William starb an einem Herzanfall in den Armen seiner Geliebten.“
„Schon, aber um ihre Ziele zu erreichen, sind Männer zu allem fähig, und Vernham ganz besonders. Die Behörden würden dir wahrscheinlich einen Giftanschlag unterschieben, mit einem Mittel, das sich nicht nachweisen lässt.“
„Nicht alle Männer sind grausam“, wandte Verity sanft ein, „Nathaniel ist ein guter Mensch.“
„Das mag sein, aber wenn es eine Gerechtigkeit auf der Welt gäbe, hättest du ihn heiraten dürfen.“
„Ach, Chastity …“
„Vater wusste, dass du Nathaniel liebst, und hat dich trotzdem gezwungen, Sir William zu heiraten – einen fetten alten Gutsherrn mit einem Haufen Geld und keiner Spur von Stil.“ Sie lehnte das Baby an ihre Schulter und klopfte ihm sacht den Rücken.
Verity nagte an ihrer Unterlippe. „Es ist die Pflicht einer Tochter, den Mann zu heiraten, den der Vater vorgesehen hat.“
„So heißt es, aber es wäre doch schön, in einem solchen Opfer wenigstens einen Sinn erkennen zu können. Vater hat nicht nur dich mit Sir William verheiratet, sondern auch versucht, mich zur Ehe mit dessen Bruder zu zwingen. Was hätte er durch eine solche Verbindung gewonnen?“ Verity warf die schmutzigen Windeln und Tücher in einen Eimer. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Eines ist klar“, sagte Chastity. „Du hast deine Pflicht getan. Nicht einmal im Traum solltest du daran denken, Vater noch einmal zu Willen zu sein. Du sollst Nathaniel heiraten.“ Verity nickte. „Dazu bin ich fest entschlossen, wenngleich mich mein Gewissen plagt. Ich wollte, ich hätte deine Entschlusskraft.“
„Glaub mir“, sagte Chastity und schauderte. „Das Wissen um deine unglückliche Ehe gab mir damals die Kraft, mich Vater zu widersetzen. Sir William war ein niederträchtiger Kerl, und sein Bruder ist, wenn auch nach außen hin glatter und geschliffener, aus