: Astrid Schlung
: Im Flow der Welle Begegnung am Surfspot Borkum
: Kadera-Verlag
: 9783948218423
: 1
: CHF 7.00
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
Die achtzehnjährige Marieke fährt in ihren Sommerferien auf die Insel Borkum, um einen Windsurfkurs zu besuchen. Dort verliebt sie sich Hals über Kopf in ihren attraktiven Surflehrer Keno. Auch Keno zeigt Interesse an ihr, indem er viel Zeit mit ihr verbringt und ihr gratis Einzelunterricht im Kitesurfen anbietet. Andererseits verhält er sich zurückhaltend gegenüber ihren Flirtversuchen. Außerdem ist er bereits mit Fiene liiert, mit der er die Surfschule auf Borkum leitet. Die Eifersucht seiner Freundin ignorierend macht Keno sich für Marieke immer interessanter, indem er ihr nach dem Surfkurs ausgiebig von seiner abenteuerlichen Reise über Amsterdam nach Kalifornien und seinen Erfahrungen im Big-Wave-Surfen in Santa Cruz und Mavericks erzählt. Doch was verbirgt sich hinter der außergewöhnlichen Aufmerksamkeit dieses interessanten Mannes Marieke gegenüber?

Astrid Schlung wurde im Jahr 1969 auf der Nordseeinsel Borkum geboren und wuchs dort auf, bis sie im Jahr 1979 durch einen Auslandsaufenthalt ihrer Eltern für fünf Jahre nach Istanbul zog. Mit sechzehn Jahren verbrachte sie außerdem ein halbes Jahr als Austauschschülerin auf Long Island im Staat New York / USA. Ihr Lehramtsstudium absolvierte sie in Göttingen, Kassel und Berlin und nach mehreren Jahren in Rheinland-Pfalz lebt sie heute wieder in Berlin. Sie ist seit dem Jahr 1996 im Lehramt tätig und unterrichtet als Studienrätin an einem Gymnasium die Fächer Deutsch, Geografie und Bildende Kunst. Im Rahmen ihrer zahlreichen Reisen auf mehreren Kontinenten interessiert sie sich besonders für die örtliche Geografie, die verschiedenen Kulturen und das Meer an den unterschiedlichsten Küsten.

I

MARIEKE

Borkum

Borkum war ihre Heimatinsel, doch Marieke hatte sie zuletzt vor acht Jahren besucht. Jetzt saß sie in der Ems-Fähre »Ostfriesland« in der Nähe des Tresens der Bordgastronomie und schaute den Passagieren zu, wie sie sich vor der Abfahrt mit Matjes-Brötchen, Pommes frites, Chicken-Nuggets und Pfannkuchen versorgten. Das lärmende Familiengewusel der Insel-Touristen in Outdoor-Jacken und Ringelshirts weckte ihre Vorfreude auf Strand, Meer, Seeluft – und vor allem auf eine steife Brise mit schäumender Brandung. Ihr Vater und Sabine, seine zweite Frau, hatten ihr zum 18. Geburtstag einen Surfkurs geschenkt. Genau ihr Ding! Sie war ein sportliches Naturtalent, hatte schon viele Sportarten ausprobiert und es war ihr größter Traum, nach dem Abi ein Sportstudium zu beginnen.

Als die Fähre das offene Wasser erreichte, spritzte Nordsee-Gischt an die Fenster. Es ist alles wie früher, sinnierte Marieke. Selbst von Berlin aus, wo ihr Vater Journalist bei einer großen Tageszeitung war, Sabine kennenlernte und heiratete, verbrachten sie die Sommerferien oft auf Borkum und wohnten bei ihrer Oma, die ein Häuschen direkt gegenüber der Grundschule hatte. Das änderte sich, als Imke Abels Witwe wurde und es auf der Insel nicht mehr aushalten konnte. Sie fand Unterschlupf auf dem Hof ihrer Schwester Bente in Ostrhauderfehn. Dort blieb sie acht Jahre und vermietete in dieser Zeit ihr altes Inselhäuschen an junge Lehrer. Das war keine große Schwierigkeit, denn es zogen ständig neue Lehrkräfte nach Borkum, die sich nach einiger Zeit ein eigenes Haus kauften oder wieder auf das Festland zurückkehrten. Doch jetzt war Imke zurück auf der Insel. Sie hatte ihr Haus umfassend renoviert und teilweise neu möbliert. Alles wie früher? Marieke war gespannt. Sie schmiegte sich in die Ecke der Sitzbank und sah über das gräuliche Wasser, auf dem sonnige Lichtreflexe blitzten und Schiffe durch die Wellen zogen. Die vielen durcheinanderrufenden Feriengäste steckten Marieke mit ihrer Urlaubslaune an. Gut, dass sie nicht mit Lena und Lukas zusammen nach Mallorca aufgebrochen war. Marieke hatte keine Lust, durch deren Geturtel ständig daran erinnert zu werden, dass sie selbst solo war.

»Ist dieser Platz noch frei?«, fragte eine junge Frau mit holländischem Akzent und riss Marieke damit aus ihren Gedanken. Die Holländerin kam in voller Küstenmontur offenbar gerade vom Außendeck.

»Ja, sicher«, antwortete Marieke und zog ihre Beine etwas an.

Die Frau legte ihre Jacke ab und kramte ein paar Flyer aus ihrer Tasche. Marieke musterte sie unauffällig, während die Frau in ihre Drucksachen vertieft war. Sie war hübsch, zierlich, aber durchtrainiert und braungebrannt, hatte eine niedliche Stupsnase, blaue Augen und hellblonde Haare. Die Flyer zeigten Surf-Boards, Beach-Buggys, Kitesurfing-Zubehör und dreirädrige Fahrzeuge, die mit einem Segel bestückt waren und Mariekes Interesse weckte.

»Darf ich mal was fragen?«, wandte sie sich an die lesende Frau.

»Klar, kein Problem.«

»Was sind denn das für Fahrzeuge da in Ihren Flyern? Ich habe vor, einen Surfkurs auf Borkum zu machen. Wissen Sie, ob es auf Borkum auch solche Fahrzeuge gibt?«

»Ach, wirklich? Dann werden wir uns sicher bald wiedersehen. Ich arbeite nämlich in der Borkumer Surfschule. Du kannst mich aber gern duzen, das machen wir in der Schule sowieso und im Alter sind wir ja nicht so weit auseinander, denke