Ich liebe deine Augen, die bedauernd,
Weil ja dein Herz mich quält mit Sprödigkeit,
In schwarzer Tracht wie liebe Freunde trauernd,
Mit reizendem Erbarmen schaun mein Leid.
Mir scheint, dass nicht die Sonn’ im Morgenrothe
Des Ostens grauer Wange schöner lässt,
Noch jener volle Stern, des Abends Bote,
Nur halb so stolz verklärt den ernsten West.
Wie dein Gesicht die trauernden Augen schmücken,
So schmück’ um mich die Trauer auch dein Herz;
Das Trauern steht dir einmal zum Entzücken,
Drum trag des Mitleids Farben allerwärts!
Dann will ich schwören, dass die Schönheit schwarz sei
Und garstig, wer nicht deiner Farb’ und Art sei.
(William Shakespeare,Sonett 132, zitiert nach Jürgen Klein,
My love is as a fever, S. 273)
NEDAL MACARON, HOLGER WEISHEIT
Seit mehr als drei Monaten hielt sie sich schon in der Flüchtlingsunterkunft in Hannover auf. Nedal war mit dem Flugzeug über Athen und Frankfurt nach Hannover gelangt, nachdem sie sich schweren Herzens entschlossen hatte, ihren Wohnsitz und ihre Praxis in Beirut aufzugeben. Sie befand sich in Lauerstellung, denn Holger Weisheit vom Ausländeramt Hannover bemühte sich sehr intensiv darum, ihr eine Stelle als Ärztin in dem Staatsbad Pyrmont zu vermitteln. Sie waren bereits in der niedersächsischen Kleinstadt gewesen, und Nedal hatte Feuer gefangen, in einem Kurbetrieb tätig zu werden, nachdem sie zu Hause in Beirut als niedergelassene Internistin gearbeitet hatte.
Im Austausch mit ihrem Bruder Karim, der wie sie Facharzt für Innere Medizin war, war der gemeinsame Entschluss gereift, das vom Bürgerkrieg erschütterte Land zu verlassen und den Weg nach Europa zu suchen. Ihr Wohnhaus war zwar noch unversehrt – Nedal besaß die rechte Hälfte des Hauses, Karim die linke –, aber ihre Praxis war von Artilleriegeschossen und Granathagel so stark beschädigt worden, dass sie unter diesen Umständen gar nicht mehr arbeiten konnten. Karim und Nedal waren Zwillinge, beide von ihnen sprachen neben Englisch auch Französisch und Deutsch. Arabisch war natürlich ihre Muttersprache, doch auch mit der deutschen Sprache kamen sie recht gut zurecht, da ihr Vater Hubertus Macaron seinerzeit als Bankangestellter des Crédit Lyonnais aus Karlsruhe nach Beirut gegangen war, um dort die Frau für’s Leben kennenzulernen.
Hubertus Macaron war zwar deutscher Staatsbürger, hatte jedoch französische Vorfahren, die aus dem Elsass kamen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er aus Colmar nach Karlsruhe gezogen, um für den Crédit Lyonnais die neue Filiale zu konsolidieren und auszubauen.
In Beirut arbeitete Huber