: Hans-Jürgen Stöhr
: Altern kennt keine Zeit Gedanken über Zeit und Zeitgelassenheit in unserer Lebenswelt
: Books on Demand
: 9783756279128
: 1
: CHF 4.40
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: Philosophie: Allgemeines, Nachschlagewerke
: German
: 156
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Titel des Buches gleicht einer Provokation. Er stellt Lebenszeit und Zeit des Alterns außerhalb unseres tradierten Zeitverständnisses, fernab gewohnter Zeitmessung und alltäglichen Gebrauchs. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hielt die Räderuhr Einzug in das gesellschaftliche Leben. Die Uhrzeit begannt zusehends das Leben in ihre Ordnung zu fassen. Mechanisierung und Industrialisierung folgten von nun ab einem neuen, vom Menschen geschaffenen Zeitregime. Die natürliche Zeit trat in den Hintergrund; die technisch ausgestattete Kulturzeit wurde gesellschaftsbestimmend. Seitdem begleitet unser Leben ein Mensch-Zeit-Wirkungsmacht-Dil mma. Will und hat der Mensch je die Möglichkeit, sich aus dieser Klammer zu befreien? Niemand vermag diese Menschen-Zeit zu ignorieren oder abzuschaffen, auch wenn deren Folgen in der Spätmodernen nicht zu übersehen sind. Zeitbeschleunigung, Schnelllebigkeit, Naturzeit- und ICH-Verfremdung schaffen Zerrbilder menschlichen Zeiterlebens. Das Buch lädt all´ jene ein, die bereit sind, die Lebenswirklichkeit von einer derartigen Zeit-Etikette zu befreien und sie auf das Wesentliche zurückzuführen. Es ist ZEIT, die Lebenszeit des Menschen vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Verstehen von Zeitvergessenheit, Zeitfreiheit, Zeitlosigkeit und Zeitgelassenheit kann eine hilfreiche Brücke zu einem Mehr an Lebenssinn sein.

Hans-Jürgen Stöhr, Jg. 1949, in Parchim bei Schwerin geboren, ist seit 2012 Inhaber der Rostocker Philosophischen Praxis. Von ihr aus geht die Initiative, das Philosophieren aus dem Hörsaal der Universität auf die Straße zu tragen und für jene interessant zu machen, die Lust und Freude an dieser Denkkunst verspüren. Hierfür werden von der Philosophischen Praxis verschiedene Formate angeboten. Dazu gehören die klassische Beratung und Lebensbegleitung einzelner als auch die Durchführung von Veranstaltungen wie das Philosophische Café, der Philosophische Salon oder die Rostocker Philosophischen Tage, die auf ein öffentliches, bürgernahes Philosophieren ausgerichtet sind. Von 1968 bis 1975 absolvierte H.-J. Stöhr eine Philosophie-Studium mit Nebenfach Biologie. Ab 1975 bis 1991 war er an der Rostocker Universität als Assistent und später als Philosophie-Hochschullehrer tätig. Er wurde 1975 promoviert und habilitierte 1980 führte zwei Forschungsgruppen und trug Verantwortung für die Rostocker Philosophischen Manuskripte (Heft 18 bis 32). 1993 gründete er das Institut für ökosoziales Management mit den Schwerpunkten Bildung, Beratung und Projektentwicklung in den Bereichen Gesundheit und Soziales. Mit der Philosophischen Praxis erfüllte er sich selbst seinen Wunsch, wieder verstärkt im Bereich der Philosophie tätig zu sein.

Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben – aber es hat nur ganz genau so viel Sinn, als wir selber ihm zu geben imstande sind.

Hermann Hesse (1877–1962)

GUTES LEBEN UND ZEITVERGESSENHEIT

Es mag wie ein Paukenschlag in einer beginnenden Sinfonie erklingen: Das Leben ist, wie es ist. Es ist da, nicht mehr und auch nicht weniger. Es ist weder gut noch ungut, weder schlecht noch böse, weder moralisch noch unmoralisch. Ganz einfach – esist.

In diesem Sinne hat das Leben keinen Wert; es ist also wertfrei, frei von jeder Moral. Es besteht in seinem Dasein und nimmt einen Platz zwischen Raum und Zeit ein. Es bewegt sich in seinem Sein zwischen Werden und Vergehen, Zeugung und Tod. Das Lebenlebt.

In der Zeit seiner Existenz verfügt es über sich selbst. Diese wertfreie Lebensbestimmtheit begründet sich ausschließlich in ihrer natürlichen Daseinsweise. Das Leben des Menschen steht für denbewegten Menschen, der sich in Raum und Zeit verändert.

Und dennoch ist das Lebennicht wertlos. Es versteht sich als Wert in dem Moment, wo der Mensch beginnt, bewusst über sein Leben zu verfügen, sich seiner Gestaltungsmacht anzunehmen, die das Leben innehat. Der Mensch beginnt,sein eigenes Leben zu leben.

Mit dem Bewusstsein der Verfügbarkeit über das eigene Leben, es selbst in die Hand zu nehmen und gestalten zu können, stellt sich die Frage nach dessen Sinn und Bedeutung. Da wir unser Leben mit aller Alltäglichkeit in Raum und Zeit wahrnehmen, ist das Nachdenken des Lebens im Zusammenhang mit Zeit naheliegend. Zeit wird zum Rahmen des Lebens. Wir sprechen vonLebenszeit. Wir messen Leben in Zeit, geben ihm einen temporären Rahmen. Die Verbundenheit von Zeit und Leben ist nicht in Frage gestellt. Uns kommt nicht in den Sinn, Zeit aus dem Leben wegzudenken, ein Leben zu führen, aus dem wir das Zeitliche herauslösen und versuchen, ein so genanntes zeitloses Leben zu führen.

Haben wir den Mut und verlassen die uns gewohnte Denk-Komfortzone, in der Zeit und Leben unwiderruflich als verbunden angesehen werden. Lassen wir uns auf ungewohnte Fragen ein: Was meinen wir, wenn wir von Lebenszeit bzw. Zeit des Lebens sprechen? Was bedeutet es, wenn wir Zeit aus unserem Lebensverständnis abkoppeln und für eine Lebenssicht ohne Zeit plädieren? Welche Konsequenzen würden sich daraus ableiten? Wird das Leben dadurch zeitlos oder eröffnen wir uns eine Lebenswahrnehmung, die uns eine neue Lebensdenk- und -handlungsperspektive eröffnet?

Nicht weniger interessant sind jene Fragen, die dasgute Leben und dieses im Zusammenhang mit Zeit ansprechen: Was ist unter einem guten Leben zu verstehen? Ist ein Leben nur dann gut, wenn wir ihm einen zeitlich-strukturierten Rahmen geben? Lässt sich ein gutes Leben auch dann leben, wenn wir esaußerhalb jedes Zeitgeschehens betrachten?

Hier werden wir auf die Qualität des Lebens aufmerksam gemacht. Die Verbindung zwischen Leben, Zeit und Güte drängt sich auf.

Das menschlicheLeben ist eine an Körper, Geist u