Tür an Tür
Wohnblock in Dranske
Wer über die Insel fährt, sieht sie überall. Die Rede ist von den Plattenbauten. Einst gedacht, um günstigen Wohnraum zu schaffen, galten sie nach der Wende als Zeichen des untergehenden Sozialismus. Sicher, auch in der BRD gibt es solche Wohnsilos. Meist befinden sie sich am Rande der großen Städte und bieten jenen eine Unterkunft, die nicht zur Ober- oder Mittelschicht der Gesellschaft gehören. Oft bilden sie, bis heute, einen sozialen Brennpunkt.
Völlig anders sieht das auf Rügen aus. Aus den Relikten einer vergangenen Epoche wurde Wohnraum geschaffen, der es auch jenen ermöglicht, hier zu leben, die nicht im Rampenlicht stehen. Viele der Plattenbauten wurden und werden aufwendig saniert und bieten einen gewissen Luxus für kleines Geld. Viele der Mieter haben Schlimmes erlebt und sind privat oder beruflich abgestürzt. Hier, im Schmelztiegel der verlorenen Seelen, kommt es jedoch vor, dass sie, wie der Phönix aus der Asche ein neues, lebenswertes Leben finden. So erging es auch Sandra und Heinz.
Über viele Jahre lebte Sandra auf der Überholspur des Lebens. Beruflich stieg sie in jene Sphären auf, von denen sie immer geträumt hatte, bis hin zur stellvertretenden Geschäftsführung eines großen Unternehmens. Nichts schien ihren Drang nach Erfolg aufhalten zu können. Ein Privatleben kannte sie nicht. Wozu auch, wenn sie hier ihre Erfüllung fand. Täglich arbeitete sie bis zu 18 Stunden und ab und zu auch mal länger. Ohne Rücksicht auf ihren Körper verbrauchte sie jede Reserve. Dann kam jener Tag, der sie daran erinnerte, wie gedankenlos sie mit ihrem Leben umging.
Es geschah während einer Konferenz mit den anderen Geschäftsführern. Wie so oft hatte sie eine Präsentation für ein neues Produkt und dessen Vermarktung in den Tagen zuvor über Tage und Nächte vorbereitet. Schließlich war sie eine Perfektionistin und Fehler waren für sie ein Graus. Das taube Gefühl im linken Arm und die stechenden Schmerzen am Herzen hatte sie, wie den Schwindel im Kopf, einfach ignoriert. Hätte sie es doch besser nicht getan. So stand sie nun vor der Leinwand und befand sich mitten in ihrem Referat, als sich ihr Körper erneut meldete. Der stechende Schmerz am Herzen schlug unvermittelt und mit brutaler Gewalt zu. Sie begann zu schwanken und legte reflexartig eine Hand auf ihr Herz. Doch es war zu spät. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihr schwarz vor Augen. Dass sie zu Boden stürzte, bekam sie schon nicht mehr mit.
Als sie erneut die Augen öffnete, sah sie sich verwirrt um. Wo war sie und was war passiert?, fragte sie sich. Sie drehte ihren Kopf zur Seite, um sich zu orientieren. Da war nicht mehr der Konferenzraum, da waren nicht mehr ihre Kollegen in Anzug und Krawatte. Stattdessen sah sie Ärzte und Krankenwestern in ihren weißen Arbeitskitteln. Also war sie im Krankenhaus, stellte sie für sich fest. Wie aber konnte das sein? Ihre Erinnerung an den Schmerz kehrte zurück. War sie etwa noch so gerade dem Tod entronnen? Als sie den Arzt sah, wurde aus ihrem Gedanken Gewissheit, denn er sah sie sehr besorgt an.
„Schön, dass sie wieder bei uns sind“, hörte sie ihn mit beruhigender Stimme sagen. Sandra sah ihn fragend an. „Das war nicht nur knapp, sondern fast schon zu spät“, deutete der Mann an. „Wir mussten sie reanimieren und hätte der Notarzt nicht sofort gehandelt, wären sie wohl nicht mehr hier, sondern in der Leichenhalle“, erklärte er ihr weiter. Erst jetzt wurde sich Sandra des Ernstes ihrer Lage bewusst. Wie aber konnte das sein? Ihr ging es doch gut. Sie spürte,