Es geht los!
In mir wohnt eine Elfe oder: Wie es zu diesem Buch kam
Ich bin dick. Gerne wäre ich schlank. Fast mein ganzes Leben lang beschäftigt mich dieses Thema schon. Meist habe ich die Lösung in der nächsten Diät gesucht. Leider hat dies das Problem vergrößert. Denn über die Jahre bin ich so immer dicker geworden.
Manchmal spüre ich, dass tief in mir drin eine Elfe wohnt. Ganz leichtfüßig springt und tanzt dieses zarte Wesen in mir, ich kann es fühlen. Doch von außen ist es nicht sichtbar.
Schon oft habe ich mir innerlich und manchmal auch laut und deutlich gesagt: Es reicht jetzt! Ich lasse dieses Thema los. Es kostet mich zu viel Kraft und Energie, mich dauernd damit zu beschäftigen. Ich nehme jetzt entweder ab oder ich höre auf, mir darüber Gedanken zu machen. Es gibt auch wirklich Schlimmeres, als dem gängigen Schönheitsideal nicht zu entsprechen.
Eine Zeit lang war dann auch mal Ruhe, entweder weil die aktuelle Stoffwechselkur gerade die Pfunde schmelzen ließ oder weil die Stimme in meinem Kopf wirklich mal für einen Moment die Klappe gehalten hat. Doch damit war es meist auch schnell wieder vorbei. Die Stimme ist wiedergekommen, die Pfunde nach der Diät auch.
Im Herbst 2019 war ich beruflich in der Schweiz. Ich hatte gerade vor 800 Menschen gesprochen, Applaus und Wertschätzung für meine Worte erhalten und machte mich zufrieden auf den Heimweg. Die Zürcher Innenstadt war an diesem Tag wegen zwei Demonstrationen komplett gesperrt, es herrschte Chaos und ich musste auf dem Weg zum Hauptbahnhof mit meinem Koffer einen kleinen Sprint einlegen, um meine Verbindung nach Köln zu erwischen.
Verschwitzt, mit hochrotem Kopf, aufgeregt, aber glücklich lasse ich mich im Regio auf einen Gangplatz fallen und krame nach meinem Ticket. Mein Koffer und meine Tasche stehen neben mir und ragen in den Gang, aber es ist relativ leer und so stört sich niemand daran – dachte ich. Dann steigen zwei Männer, groß, durchtrainiert und tätowiert, in die Bahn. Ich freue mich, denn sie sprechen amerikanisches Englisch. Da ich mal in Amerika gelebt habe, verstehe ich es gut und mag den Klang. Ich schaue hoch. Genau in diesem Moment blickt einer der beiden in meine Richtung und sagt ganz laut und deutlich zu seinem Kollegen: „Das ist ja klar, die Dicke blockiert vier Sitze. Fettes Stück Scheiße, man sollte …“
Den Rest höre ich nicht mehr. Meine Ohren rauschen, mir bricht der Schweiß aus, ich schaue zu Boden. Ein vertrautes Gefühl flutet meinen gesamten Körper: Ich schäme mich. Ich schaue so lange es geht auf den Boden und tue dann so, als suchte ich etwas in meiner Tasche. Meine Hände zittern, mir fällt nicht ein, was ich noch tun könnte, also schaue aus dem Fenster, mein Gesicht brennt. Ich höre das Stimmenkonzert in meinem Kopf: Wieso sagen die sowas? Haben das alle gehört? Kann ich gleich überhaupt aufstehen und aussteigen? Funktionieren meine Beine noch? Wie komme ich an denen vorbei, ohne noch einen solchen Spruch zu kassieren?
Und eine andere, ganz zarte Stimme sagt: Haben die vielleicht recht, bin ich weniger wertvoll, weil ich so dick bin?
Ich fahre nach Hause, vier Stunden im Zug. Die Zeit und die schlechten Gedanken vertreibe ich mir mit Arbeit. Zwischendurch meldet sich die Scham zurück. Ich arbeite darüber hinweg. Daheim angekommen entscheide ich, es niemandem