: Mark Mordue
: Jugendfeuer Die frühen Jahre des Nick Cave
: Hannibal
: 9783854457343
: 1
: CHF 8.90
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Zwischen Cohen und Lolita: die frühen Jahre des Nick Cave Er ist der Grandseigneur der Alternative-Szene und genießt den Respekt, wie man ihn in der Musikwelt zuvor wohl allenfalls Leonard Cohen entgegenbrachte: Nick Cave begann seine Karriere Anfang der Achtzigerjahre als skandalumwitterter Junkie-Poet, der seine provozierenden Texte zu einem eklektischen Mix aus Blues, Punk und Avantgarde herausschrie. Seine Lieder handelten von Grenzerfahrungen und Verbrechen aus Leidenschaft, vor allem aber von den Abgründen der Seele, die er mit seiner markanten, dunklen Stimme auf unverwechselbare Weise zu beschreiben verstand. Seine wilden Jahre in London und Berlin wurden in der Musikpresse ausführlich dokumentiert, ebenso seine Läuterung und die ruhigere, aber nicht weniger dunkle Zeit, in der Caves Bilderwelt von persönlichen Schicksalsschlägen geprägt war. Doch wie wurde der Lehrersohn aus der australischen Provinz zu dem exaltierten Performer, der mit der apokalyptischen Sprachgewalt eines alttestamentarischen Propheten über die Alternative-Szene der Achtziger hereinbrach? Der australische Journalist Mark Mordue hat sich auf eine spannende Spurensuche gemacht, die ihn von der Outback-Kleinstadt Wangaratta bis in die Kunst- und Punkszene von Melbourne führte, und er hat dazu ausführlich mit dem Künstler selbst, aber auch mit Caves Familie und vielen alten Weggefährten gesprochen. Jugendfeuer schildert Caves prägende Jahre, seine kreativen Einflüsse, schicksalhafte Internatsbegegnungen und vor allem das spannungsgeladene Verhältnis zu seinem Vater, dessen früher Unfalltod zu einem Wendepunkt in Caves Leben wurde. Es ist eine Jugend zwischen Nabokovs Lolita und Leonard Cohens Songs Of Love And Hate, zwischen morbiden Streichen und Nahtoderfahrungen, zwischen behüteter Kindheit und dem gnadenlosen Austesten künstlerischer Selbstverwirklichung als Teenager. Mordue unterfüttert seine straffe Erzählung mit akribischer Recherche und liefert mit Jugendfeuer einen ganz entscheidenden Beitrag zum grundlegenden Verständnis von Nick Caves Entwicklung ab.

Mark Mordue lebt als Journalist und Schriftsteller in Sydney. In den Neunzigerjahren gab er das Popkultur-Magazin Australian Style heraus, veröffentlichte später mehrere Gedichtbände und schrieb für renommierte Zeitschriften wie den Rolling Stone, Vogue, GQ oder Interview. Seit 1985 hat er zahlreiche Interviews mit Nick Cave geführt. In Australien wurde er für seine Arbeiten im Bereich Reportage und Memoiren mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Prolog
Der Journalist und der Sänger

Mein erstes Gespräch mit Nick Cave war ein Telefoninterview anlässlich der Promotion seines zweiten Soloalbums,The Firstborn Is Dead(1985), einer unheilvollen,vom Blues beeinflussten Platte, die in fast schon biblischer, apokalyptischer Sprache die Geburt von Elvis Presley – und damit des Rock’n’Roll – feierte. Unsere Unterhaltung war so trocken wie Wüstengras, so zäh und unkonkret, dass sie zwischendurch versiegte. Cave schien nicht das geringste Interesse daran gehabt zu haben, was ich ihn fragte oder sagte. Damals war er für seinen notorischen Hass auf Journalisten berüchtigt. Nach diesem anstrengenden Gespräch legte ich den Hörer mit schweißnassen Händen und schwerem Herzen auf. Was für ein Reinfall.

Danach riss ich mich nicht mehr darum, mit Cave zu sprechen, geschweige denn ihn persönlich treffen. 1988 wollte ich ihn trotzdem fürOn the Streetinterviewen, eine Gratiszeitung, die in Sydney erschien. Aller guten Dinge sind zwei, dachte ich wohl. Im direkten Gespräch musste er doch aufgeschlossener sein als über eine hallende Telefonverbindung, bei der seine Stimme wie aus weiter Ferne geklungen hatte. Außerdem war er der bedeutendste australische Rockmusiker seiner Zeit. Man konnte ihn nicht ignorieren.

Cave war in der Stadt, um aus seinem lang erwarteten Roman zu lesen, der zu dem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen war und erst 1989 unter dem TitelUnd die Eselin sah den Engelveröffentlichtwurde. Er nannte sich aber bereits „eher einen Schriftsteller“1und lehnte Rockmusik wegen ihrer Niveaulosigkeit und des wie Pawlowsche Hunde konditionierten Publikums ab.2

Man hatte mir die Adresse eines Lagerhauses gegeben, das sich in einer Gasse direkt hinter der Oxford Street befand, Sydneys alternativem und bohemehaftem Schwulenviertel. Cave hatte sich darin offenbar mit einer Freundin oder einem Dealer oder einem kriminellen Bekannten vergraben – die Gerüchte waren vielfältig und hingen vom jeweiligen Gesprächspartner ab. Um Cave rankten sich immer Gerüchte, jede seiner Aktivitäten wurde begierig aufgesogen und ausführlich in Sydneys einschlägigen Kreisen diskutiert. Sonst sorgte nur Michael Hutchence so zuverlässig für Wirbel. Ihre Anwesenheit schien sich geradezu wellenförmig von dem Moment an durch die Stadt zu verbreiten, in dem das Flugzeug auf der Landebahn aufsetzte und sie halb im Verborgenen unsere abgeschirmte kleine Welt betraten.

Als ich an einem Sonntagnachmittag an die Tür einer alten Garage klopfte, wurde ein Schlüssel auf die Straße geworfen, begleitet von einem vage vertrauten Rufen, das irgendwo über mir ertönte. Während ich aufschloss, hörte ich Schritte auf dem Holzboden im Obergeschoss und das Knarzen einer Falltür. Eine Leiter wurde polternd zu mir heruntergelassen, und über mir stand Nick Cave im Gegenlicht. Wie eine gruselige Gestalt in einem B-Movie über einen Journalisten, der einen furchteinflößenden Rock-Vampir interviewen soll, bedeutete er mir, nach oben zu kommen. Ich schluckte und machte mich auf den Weg zu Nosferatu.

Sobald ich durch die Öffnung geklettert war, schlug die Atmosphäre sofort um. Cave war ein beflissener Gastgeber, während eine junge Frau, die ich für seine Freundin hielt, ihn herumscheuchte, als wäre ich gerade in eine Gothic-Version der britischen SitcomGeorge and Mildredgeraten. „Hol Mark etwas zu essen, Nick“, befahl sie knapp. Eine große Platte mit liebevoll angerichteten Weintrauben, Litschis, Melonen und Äpfeln wurde mit großer Geste vor mir abgestellt.

Als Cave sich gerade hinsetzen und sich etwas von dem Essen nehmen wollte, fragte seine Freundin: „Hast du Mark Kaffee angeboten, Nick?“ Wieder stand er auf, steif und mit gespielt düsterer Miene. Er ging zu einem alten Metalltrichter, der an einer hölzernen Werkbank befestigt war, schüttete Kaffeebohnen hinein und drehte langsam die Kurbel: „Mahlen, mahlen, mahlen, das ist die Geschichte meines Lebens.“

Eine Auswahl teuren Gebäcks wurde mir ebenfalls serviert, und ich dankte dem Paar für seine überraschende Gastfreundschaft. Cave fragte mich, warum ich so überrascht sei. Eine ausweichende Antwort schien mir taktisch unklug, weshalb ich seine Fürst-der-Finsternis-Aura ansprach und seinen Ruf, Journalisten schlecht zu behandeln. „Wer sagt das?“, fragte er ein wenig angesäuert. „Nun, derNME…“, begann ich und bezog mich dabei auf das damals e