2: Die folgenreiche Geschichte eines Wortes
„Jedes Wort ist ein Wort der Beschwörung.
Welcher Geist ruft – ein solcher erscheint.“
Novalis(1772 - 1801)7
Wörter erzählen Geschichten
Menschen schaffen Wörter, damit sie die Welt besser verstehen und sich miteinander verständigen können. Sie bezeichnen Objekte und Sachverhalte, indem sie ihnen Namen geben oder Wörter zuordnen. Mithilfe der Sprache können sie über die Objekte und Sachverhalte nachdenken und kommunizieren. Die Aneignung der Welt hat sehr viel mit Sprache zu tun. Wörter beeinflussen uns dabei, wie wir die Welt sehen und deuten, was wir denken.
Haben Menschen aber erst einmal ein Wort in die Welt gesetzt, so führt es rasch eine Art Eigenleben, denn es beeinflusst Menschen seinerseits. Worte sind keineswegs starre Gebilde oder nur Namen für Dinge, Lebewesen und Zusammenhänge zwischen diesen. Sie bedeuten etwas, das hochkomplex sein kann. Worte berühren Menschen auf eine bestimmte Weise und lösen Gefühle aus. Fast jedes Wort entwickelt sich im Laufe seiner Nutzung. Es kann immer wieder neue Bedeutungen (Inhalte) ausdrücken und Verbindungen mit anderen Wörtern eingehen. Ein Wort kann sogar gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben. Es kann Nebenbedeutungen annehmen und auf ganz andere Bereiche außerhalb seiner ursprünglichen Herkunft übertragen werden. Schließlich kann ein Wort von einer Wortart zu einer anderen wechseln, so dass aus einem Verb ein Substantiv wird. Als bloße Form bleibt es dann zwar gleich, aber die Möglichkeiten, etwas auszudrücken, erweitern sich.
Dies beschreibt auch den Weg der lateinischen Wortformplacebo. Placebo ist ein besonders interessantes Beispiel für die Weiterentwicklung und Verbreitung eines Wortes zwischen einerseits Kontinuität und andererseits Bedeutungswandel. Die Geschichte dieses Wortes, das sich auf vielen Umwegen einen festen Platz im Deutschen und anderen Einzelsprachen erobert hat, soll im Folgenden erzählt werden; denn die Kenntnis dieser Geschichte wird helfen, die in der Einleitung bereits geschilderten Verwirrungen aufzulösen.
Von der Liturgie über die Abwertung im allgemeinen Sprachgebrauch bis zur Sprache der Medizin
Wir verfolgen nun die Geschichte des Wortes bis in das 13. Jahrhundert zurück. Zum sicheren Wissen über das Wort Placebo gehört, dass es aus dem Lateinischen stammt und die Wortformplacebo dort für die 1. Person Singular Futur I des Verbesplacere steht. Seine ursprünglichen Bedeutungen sind: ‚Ich werde gefallen‘, ‚ich werde belieben‘ und ‚ich werde gefällig sein‘. Über diese Bedeutungen im Wortschatz des Lateinischen hinaus erfährt das Wort in der mittelalterlichen Liturgie der Katholischen Kirche eine besondere Verbreitung; denn der letzte Vers des Wechselgesangs der Totenmesse lautet im Kirchenlatein: „Placebo Domino in regione vivorum“ – „Ich werde wohlgefällig sein vor dem Herrn im Lande der Lebenden“. Seit dem 13. Jahrhundert wird diese Totenvesper daher kurz auch alsPlacebo bezeichnet. Das Wort war damit jedermann bekannt. Allerdings nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung (wie im Latein), sondern als Ausdruck für etwas, das Trauernde zu verrichten hatten. Damit transformierte es in seinem Gebrauch im Deutschen (und anderen Sprachen) vom Verb zum Substantiv, was sich bis heute so erhalten hat.
Gesungen wurde das „Placebo Domino“ von den Hinterbliebenen. Die Totenvesper war durch die Kirche vorgeschrieben und erforderte wohl nicht nur Zeit von den Trauernden, sondern wurde von einigen wahrscheinlich auch als Last empfunden. Eine Änderung der Liturgie ermöglichte es daher, gegen ein Entgelt Stellvertreter für den „Placebo-Dienst“ zu beauftragen. Diese nannte man auchPlacebo-Sänger, und es entstand die Redewendung, fürjemanden ein Placebo singen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes in der Liturgie bestand zwar weiter, wurde aber durch die neue Nebenbedeutung im täglichen Sprachgebrauch überdeckt. Das Wort ging nun seinen eigenen Weg. Es wurde fortan auch in abwertender Bedeutung verwendet. Ein bezahlter Placebo-Sänger singt ja im Auftrag und für jemand anderen gegen Bezahlung. Es geht um Ersatz auf Kosten der Echtheit. Der Ersatz-Sänger gilt nicht als authentisch. Man unterstellt ihm, dass er Trauer nur heuchelt. Die eigentlich positive Bedeutung des Wortes, das Placebo zur Erinnerung an den Toten zu singen, wird nun durch die eher abwertenden BedeutungskomponentenTäuschung,Ersatz