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Ihre Mutter hatte ihr einmal gesagt, um jemanden richtig kennenzulernen, muss man gegen ihn kämpfen. Lores Erfahrung nach enthüllte Kämpfen jedoch nur die Stelle am Körper anderer, auf die sie am wenigsten getroffen werden wollten.
Bei ihrem Gegner war dies eindeutig das neue Tattoo links auf seiner Brust, das noch von einem Verband bedeckt war.
Lore hob ihre Hände in den Handschuhen an, um einen weiteren schlaffen Treffer abzufangen. Ihre Turnschuhe quietschten auf den billigen blauen Matten, als sie einen Schritt zurücksprang. Das silberne Klebeband, von dem der improvisierte Ring zusammengehalten wurde, löste sich nach fünf Kämpfen an diesem Abend in der feuchten Wärme allmählich auf. Lore knurrte, als sie einen Streifen nahe ihren Beinen platt stampfte.
Schweiß lief ihr übers Gesicht, bis sie nichts außer Salz schmeckte. Sie weigerte sich, ihn wegzuwischen, sogar noch, als er in ihren Augen brannte. Der Schmerz war gut. Er sorgte dafür, dass sie sich konzentrierte.
Das Kämpfen war bloß eine neue schlechte Angewohnheit, die ihr nach Gils Tod vor sechs Monaten das Ventil bot, das sie dringend brauchte. Doch ihr ursprünglicher Vorsatz vonnur dieses eine Match war vergessen, sobald sie den vertrauten Adrenalinschub fühlte.
Ein Kampf war genug gewesen, um die lähmende Trauer zu durchbrechen, sie aus ihrem Kopf zu befreien und zurück in ihren Körper zu bringen. Der zweite hatte den tiefen Schmerz in ihrem Herzen abgeklemmt. Der dritte hatte ihr eine verblüffende Menge Geld eingebracht.
Und jetzt, Wochen später, gab ihr das Kämpfen gegen fünfzehn Gegner genau das, was sie unbedingt wollte: Ablenkung.
Lore sagte sich, dass sie jederzeit aufhören könnte. Wenn es sich nicht mehr gut anfühlte. Oder wenn es zu viel von dem aufwühlte, was sie in sich vergraben hatte.
Aber so weit war es nicht. Noch nicht ganz.
Im engen Keller vom Red Dragon – Fine Chinese Food herrschte eine drückende Hitze. Zu viele Körper standen um die Matten herum. Die Menge bewegte sich mit den Kämpfer