Sechs Wochen sind ein Wimpernschlag
Ich erschrecke, als mein Wecker klingelt und schalte ihn panisch aus. Komischerweise ist mein erster Gedanke: Habe ich verschlafen? Mein müder Blick verrät mir jedoch, dass es gerade einmal halb sechs in der Früh ist. Mein Flug geht in neun Stunden, also habe ich noch ausreichend Zeit, obwohl wir zwei Stunden bis zum Düsseldorfer Flughafen brauchen und deswegen gegen elf losfahren werden.
Bis dahin muss ich mich nur noch fertigmachen, den Reißverschluss meines Koffers zuziehen sowie Haargummis, Mascara und Handcreme kaufen. Dennoch laufe ich wie eine tickende Zeitbombe durch das Haus und finde keine Ruhe. Um sieben bin ich geduscht, der Koffer ist geschlossen und ich trage bereits das dritte weiße Shirt, weil auf dem zweiten Zahnpasta gelandet war und ich das erste mit Kaffeeflecken geschmückt hatte.
Mein Fuß wippt unruhig, meine Miene ist so starr, dass ich beinahe Muskelkater im Kiefer bekomme und meine Nägel sind blutig gebissen. Jedes Geräusch wirkt wie ein Alarmsignal auf meinen Körper und jede Berührung lässt meine Muskeln verkrampfen. Ich beginne plötzlich zu schluchzen. Ich versuche, die Tränen zu verdrücken, damit sie meine Schminke nicht verschmieren, doch es gelingt mir nicht: Ein salziger Tropfen nach dem anderen rollt meine Wange herunter.
Jede Träne steht für eine Befürchtung. Und davon habe ich unzählige: Ich könnte in den falschen Flieger steigen. Mit der Verständigung könnte es hapern. Ich könnte Fehler machen. Ich könnte mich als totale Niete herausstellen und am Ende nur im Weg stehen. Ich könnte versagen. Versagen. Versagen. Versagen. Das Wort hämmert gegen die Innenseite meines Schädels und ich schluchze, bis die Worte endlich leiser werden und so etwas wie ein friedliches Schweigen einkehrt. Dann fühle ich mich viel ruhiger. Vielleicht sogar ein wenig leer. Nichtsdestotrotz flüstert meine Angst mir immer wieder zu, dass ich besser hier bleiben sollte– aber immerhin schreit sie nicht mehr. Und sie hat ja auch Recht. Ich könnte jetzt tatsächlich meine Zimmertür abschließen und mich verstecken. Aber ich möchte nicht meiner Angst folgen, ich will mit meinem Herzen gehen. Ich möchte mir beweisen, dass auch in mir eine Räubertochter, ein kleiner Steve und eine mutige Jane steckt. Ein Blick in den Spiegel verrät mir jedoch, dass ich mich besser nochmal abschminke, da ich sonst allemal als Pandabär dur