: Simon Kuhlmann
: "Trotz seiner schweren Krankheit" Die Welt aus der Sicht eines Blinden
: Books on Demand
: 9783756260898
: 1
: CHF 3.50
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 128
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Im vorliegenden Werk befindet sich der blinde Ich-Erzähler, der identisch mit dem Autor ist, auf einer fiktiven Zugfahrt. Während dieser lässt er seine Gedanken schweifen und erinnert sich an Anekdoten aus seinem Leben. An geeigneten Stellen wird der Gedankenfluss ergänzt durch eingeschobene, abgeschlossene Texte. Nach der Lektüre weiß der Leser einiges über den Autor, einiges über die Blindenwelt und er musste mehrere Male schmunzeln oder sogar herzhaft lachen. Da es sich bei dem, der spricht, um den Autor handelt und die geschilderten Erlebnisse wahr sind, ist das vorliegende Werk autobiografisch. Das entsprechende Genre erfreut sich durchaus großer Beliebtheit (s. etwa Annie Ernaux oder Karl Ove Knausgård). Was die Bücher blinder Autoren angeht, so ist das von Simon Kuhlmann besonders geeignet, Vorurteile abzubauen. Die meisten Menschen wissen nicht viel über Blindheit, weswegen sie den hiervon betroffenen Personen entweder gar nichts zutrauen oder ihre Fähigkeiten überschätzen. Der Durchschnittsblinde ist jedoch weder völlig hilflos noch leistet er im Gegensatz zu Leuten wie dem blinden Bergsteiger Andy Holzer oder Sabriye Tenberken, die die erste Blindenschule in Tibet gegründet hat, nichts besonders Herausragendes. Das vorliegende Werk vermag dies zu verdeutlichen. Und als Beweis dafür, dass nicht nur Veröffentlichungen herausragender Blinder erfolgreich sind, seien zum Schluss noch John M. Hulls Aufzeichnungen mit dem Titel"Im Dunkeln sehen" erwähnt, in denen der Autor auch"nur" die Eindrücke und Gedanken schildert, die er nach seiner völligen Erblindung hat.

Der 1978 blind geborene Simon Kuhlmann machte sein Abitur als Integrationsschüler an einem Regelgymnasium im westfälischen Soest. Anschließend studierte er in Dortmund Sonderpädagogik und Musik auf Lehramt. Nach Erlangung des Ersten Staatsexamens orientierte er sich jedoch um und verdient sein Geld seit 2009 als Verwaltungsfachangestellter bei der Stadt Königswinter. Daneben ist er als Schriftsteller und Liedermacher tätig. Beispiele seines Schaffens finden sich auf www.blautor.de

Als ich jetzt auf dem Weg zum Gleis bin, fällt mir wieder eine Begebenheit aus meiner Studentenzeit ein. Da ging ich, wie so oft zu der Zeit, mit dem weißen Stock durch den Dortmunder Hauptbahnhof. Plötzlich hörte ich die Stimme eines vielleicht achtjährigen Mädchens: »Guck mal Mama! Da ist ein Behinderter!« Es folgte eine Pause, in der ich das tadelnde Flüstern der Mutter erahnen konnte, dann sprach wieder das Mädchen in unveränderter Lautstärke: »Doch Mama! Das haben wir in der Schule gelernt! Das ist ein Behinderter!« Und was soll ich sagen: Gut aufgepasst Mädel. Blindheit gehört zu den Behinderungen, also bin ich ein Behinderter. Jetzt gibt es Leute, die sind der Meinung, dass man Behinderter nicht sagt, sondern behinderter Mensch oder Mensch mit Behinderung. Andere wollen sogar den Behinderungsbegriff komplett vermeiden. So spricht man in der Sonderpädagogik gerne von Schülerinnen und Schülern mit Förderbedarf. Muss jeder selber wissen, was er sagt oder nicht sagt, aber ich hab was gegen political correctness. Mich stört es jedenfalls nicht, wenn man von mir behauptet, ich sei ein Behinderter. Das Wort ist nämlich nicht das Problem, sondern, wie es gemeint ist, und wenn ein Kind lediglich wiedergibt, was es in der Schule gelernt hat, will es mich sicher nicht beleidigen.

Anders sieht es da schon aus – und so ist es während meiner Schulzeit einmal geschehen –, wenn ein Junge einem anderen zuruft: »Ey! Sven! Pass auf! Da ist ein Behinderter im Anmarsch!« Dieser Ausruf sollte mich treffen, hat er aber nicht, weil ich da drüberstand. Später im Job bei der rheinischen Stadt Königswinter kam dann eines Tages ein Bürger ins Büro und sagte zu meiner Kollegin: »Dat letzte Mal, wie isch hier war, hab isch mit so ’nem Behinderten jesprochen.« Weil meine Kollegin daraufhin gleich auf mich zeigte (»Da sitzt er doch.«), wandte sich der Herr nun direkt an mich und wir konnten sein Anliegen in einem beiderseitig freundlichen Gespräch klären. Fazit: Der Bürger hatte sich bzgl. meiner Behinderung nicht bewusst abfällig geäußert, sondern nur unbedacht.

Und was ist mit einer Formulierung wie »Seid ihr behindert!?«, die z. B. meiner Tante entfuhr, als mein Vater und ich mal mit einer affenartigen Geschwindigkeit auf dem Tandem an ihr vorbeigerast sind? Hier wird das Wort behindert ja al