Madame le Lieutenant
Nach einem gemütlichen Mittagessen mit ihrer Lebensgefährtin Laura auf einer sonnigen Terrasse direkt am Alten Hafen durchquerte Nadia das Altstadtviertel Le Panier, das sich zwischen dem Hafen und der Kathedrale auf einem Hügel erhob und das Herz der Stadt Marseille darstellte. Sie ging schnellen Schrittes die steilen Stufen zwischen alten, teilweise etwas schmuddeligen Fassaden hinauf. Rechts und links von ihr waren die Mauern bunt dekoriert. Le Panier war ein Stadtteil, in dem Street Art von begabten Künstlern die Hauswände verschönerte. Bald war sie am höchsten Punkt des Quartiers angelangt, nun führte eine Gasse abwärts zum malerischen Platz auf der anderen Seite des Viertels, der sich vor der Vielle Charité, dem ehemaligen Armenhaus, erstreckte, das nun ein prächtiger Museumskomplex war. Dort tummelten sich einige Touristen in der Frühlingssonne. Nur wenige Hundert Meter weiter befand sich Nadias Arbeitsplatz, das Hôtel de Police.
Die junge Frau war seit zwei Monaten als Lieutenant de Police tätig, hatte ihr eigenes Team und ermittelte selbstständig unter der Leitung ihres Vorgesetzten Commissaire Blachet. Im Moment war sie der einzige weibliche Lieutenant bei der Kripo und die Jüngste dieses Dienstgrads im ganzen Präsidium. Nach ihrer achtzehnmonatigen Weiterbildung in Paris hatte sie die Stelle ihres ehemaligen Vorgesetzten Mathieu bekommen, der Marseille verlassen hatte, um sich zum Commissaire fortbilden zu lassen.
Nun befehligte sie die Kollegen, mit denen sie früher im Team zusammengearbeitet hatte. Es handelte sich um ein reines Männerteam, die meisten waren noch dazu aus dem Süden, also Machos. Die Kollegin, die als Letzte in die Abteilung g