Einleitung
Am Abend des 10. Februar 2014 schrieb ich einen kurzen Blogartikel, um unsere Freunde und Bekannten darüber zu informieren, dass mein Mann an diesem Tag verstorben war. Was ich nicht erwartet hatte, war eine Flut von Kommentaren – Menschen aus unserem Umfeld und mir völlig Fremde bekundeten ihre Anteilnahme. Acht Tage später – nach vielen Gesprächen und nach der Beerdigung – schrieb ich einen weiteren BlogartikelHans Christians letzter Tag. Hierbei erlebte ich noch einmal den schlimmen Tag auf der Intensivstation und empfand tiefe Gefühle. Nach dem Schreiben fühlte ich mich befreit und begann, das Geschehene zu verarbeiten.
Die Reaktionen auf meinen Blogartikel zeigten mir, dass auch viele andere Menschen das Bedürfnis hatten, ihre Gedanken und Gefühle auszudrücken. Und so schrieb ich in der Folgezeit weitere Texte, um meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen und mich an unsere gemeinsame Zeit zu erinnern. Einige Monate später schrieb ich an einem doppelten Gedenktag, es war unser 18. Kennenlerntag – gleichzeitig war mein Mann genau acht Monate tot.Wieder glücklich leben nannte ich diesen Text – und ich spürte deutlich, wie meine seelische Gesundheit allmählich wiederhergestellt wurde.
In meinem Umfeld gab es mehrere Frauen, die ebenfalls ihren Mann nach einer längeren Pflegezeit verloren hatten. Durch ihre Reaktionen und Dankesschreiben erfuhr ich, dass ich mit meinem Schreiben nicht nur mir, sondern auch ihnen geholfen hatte. Ich beschloss, ein Buch zu schreiben für Trauernde, die so wie ich ihren Partner nach einer langen Kranken- und Pflegezeit verloren haben. Ich beschreibe darin meinen Weg durch das erste Trauerjahr, in dem ich begann, mein neues Leben zu genießen und wieder glücklich zu sein. Über dieses Jahr hinaus habe ich weitere Blogartikel geschrieben. Am vierten Todestag meines Mannes erschien der vorerst letzte Text in dieser Reihe:Ewiges Leben – ewige Liebe. Und nun ist es endlich an der Zeit, dass ich das Buch publiziere, denn vor wenigen Tagen hat sich der Todestag meines Mannes zum fünften Male gejährt.
Es war nicht ganz einfach für mich, dieses Buch zu schreiben. Denn Heilung braucht Zeit. Heilung ist ein Vorgang, der auf Wohlergehen, Ganzheit und Glück gerichtet ist. Schreiben ist eine gute Möglichkeit der Selbstheilung, wie ich selber in dieser Lebensphase der Trauer erlebt habe. „Schreib es dir von der Seele“ ist eine Redensart, die genau dieses Phänomen trifft. Wenn wir über uns, unser Leben, unsere Gefühle schreiben, dann sorgen wir für unsere seelische Gesundheit.
Bei einem Strandspaziergang im letzten Sommer bekam ich zwei frisch gefangene Schollen geschenkt, habe sie zu Hause gleich gebraten und im Freien genossen mit Gurkensalat und Kartoffeln – es war ein altbekannter Geruch und vertrauter Geschmack sowie ein Gefühl großen Glücks: Denn beim letzten Abendessen mit meinem Mann ganz kurz vor seinem Tod hatte es dieses Gericht gegeben und ich hatte es schon lange nicht mehr zubereitet. An diesem Sommertag jedoch empfand ich nur noch Glück und spürte keine Trauer mehr. Für mich war es auch ein Zeichen, endlich dieses Buch fertigzustellen.
Dieses Buch widme ich Maren W., sie hatte es schon lange bestellt. Und sie hat mehrfach nachgefragt, ob es wohl noch erscheint. Soviel ich weiß, hatte sie ihren Mann verloren, der an Alzheimer erkrankt war.
Ich wollte dieses Buch schon viel früher fertigstellen, denn viele Texte waren ja bereits in meinem Blog veröffentlicht. Dazu bekam ich viel Resonanz, auch waren gerade mehrere Frauen in meinem Bekanntenkreis Witwe geworden. Viele riefen mich an und hofften darauf, dass ich ihnen bei ihrer Trauerbewältigung helfen konnte. Das aber erschien mir kaum möglich, denn ich war ja selber noch mittendrin in der Trauer.
Dann dachte ich, dass ich die Trauer überwunden hätte, und machte mich mutig daran, dieses Buch zu schreiben. Aber es kamen plötzlich ganz andere Phasen, wie aus heiterem Himmel war die Trauer wieder da.
Es erschien mir fast unmöglich, dieses Buch zu schreiben. Wäre Maren W. nicht gewesen, hätte ich das Projekt vielleicht aufgegeben. Doch im November 2017 hatte ich erstmalig das Gefühl, dass ich ganz zu mir selber gekommen war und die Trauer um meinen Mann vollständig überwunden hatte. Na ja, fast vollständig. Nach langer Zeit war ich wieder mal auf dem Friedhof gewesen, mit Senta, meiner Berner Sennenhündin. Zum ersten Mal war ich nicht so tief berührt, als ich am Grab stand, und auch Senta beschnüffelte es wie all die anderen Gräber. Denn unser Ort der Trauer liegt inzwischen ganz woanders: am Strand von Fehmarnsund, wo sich mein Hund und ich fast täglich hinhocken und zum Horizont blicke