Betrachtet man die psychologischen Komponenten von Persönlichkeitsstörungen (PD für „personality disorder“), dann wird schnell klar, dass die meisten Klientena durch viele ihrer psychologischen „Strukturen“ (massive) Kosten verursachen, dass sie andererseits aber auch über viele Ressourcen verfügen. Es wird jedoch genauso schnell klar, dass sie diese nicht gut einsetzen, ungünstig verwenden oder dass andere Komponenten der Störung das Erkennen oder Nutzen von Ressourcen systematisch verhindern.1,b
Das hohe Ausmaß an Ressourcen, die man erkennen kann, macht jedoch deutlich,
dass eine PD keineswegs nur problematische Komponenten und Handlungen impliziert,
dass eine PD vielmehr viele (potenziell) positive Aspekte enthält,
dass die Struktur der Störung die Ressourcen jedoch blockiert,
dass dadurch durch ungünstiges Handeln deutlich mehr Kosten als Gewinne erzeugt werden.
Erkennt man dies, macht es therapeutisch sehr viel Sinn, darüber nachzudenken, wie diese Ressourcen nutzbar gemacht werden können bzw. wie die Blockaden, die eine solche Nutzung verhindern, abgebaut werden können. Genau darum soll es in diesem Buch gehen: Um die Frage, welche Ressourcen Personen mit PD im Allgemeinen und mit spezifischen Persönlichkeitsstörungen im Besonderen aufweisen, wie man diese Ressourcen deutlich machen kann, wie man sie nutzbar macht und vor allem wie man die Blockaden abbaut, die einer Nutzung von Ressourcen entgegenstehen.
An dieser Stelle wird kurz darauf eingegangen, was Ressourcen sind, warum Ressourcen wesentlich sind, wie man im Therapieprozess „Ressourcen aktiviert“ und wie man Blockaden bearbeitet.
Über das Thema Ressourcen und Ressourcen-Aktivierung existiert eine umfangreiche Literatur2, die hier nicht referiert werden soll: Ich möchte hier vor allem aufdie Aspekte eingehen, die für den Bereich Persönlichkeitsstörungen relevant sind.
Ressourcen von Klienten sind alle Aspekte der Person, die sich positiv auswirken können auf Lebensbewältigung, Problemlösung, die Lösung von Konflikten, interaktionelle Krisen o. Ä. und die sich damit auch positiv auswirken können auf die Bearbeitungtherapeutischer Probleme und zu deren Lösung beitragen können. Dabei möchte ich mich explizit nur mit Ressourcenaspektender Person befassen, nicht mit potenziellen „Umweltressourcen“ wie Freunde, Kontakte, Unterstützungssysteme o. Ä.
Ob ein psychischer Faktor als eine Ressource fungieren kann, hängt immer auch vomKontext ab: In bestimmten Kontexten kann er vorteilhaft sein, in anderen ist er es nicht. Daher kann eine Ressource nie „kontextfrei“ definiert werden.
Ressourcen sollen in einer Psychotherapie spezifisch aktiviert werden, wobei bestimmte Arten von Ressourcen besonders gut und durch spezifische therapeutische Maßnahmen aktiviert werden können (Grawe& Grawe-Gerber, 1999).
Die Liste möglicher Ressourcen ist lang: Im Prinzip könnenbei entsprechender Anwendung sehr viele psychologische Aspekte als Ressourcen fungieren.
Ressourcen, die in vielen Kontexten eine wesentliche Rolle spielen können, sind z. B.:
Allgemeine Handlungskompetenzen: Das Vorliegen von Handlungsstrategien, die komplex und flexibel sind, von Kompetenzen in der Lösung von Problemen, in der Entwicklung von Lösungsstrategien, Kreativität u. a.
Spezifische Handlungskompetenzen: Berufliche Fähigkeiten, spezifische Kenntnisse, Fertigkeiten zur Lösung spezifischer Aufgaben usw.
Allgemeine soziale Kompetenzen: Soziale Handlungskompetenzen, Fähigkeiten zur Beziehungsgestaltung, zur Konfliktbewältigung, zum Durchsetzen eigener Interessen usw.
Spezifische soziale Kompetenzen: Fähigkeit, sich selbst positiv darzustellen, Interaktionspartner zu beeinflussen, interaktionelle Ziele durchzusetzen, komplementär zu handeln usw.
Allgemeine Verarbeitungskompetenzen: Fähigkeiten, Situationen zu analysieren, valide Realitätsmodelle aufzustellen, Realitätsmodelle zu testen und anzupassen, Schlussfolgerungen zu ziehen, schnell relevante Aspekte zu erkennen usw.
Soziale Verarbeitungskompetenzen: Empathie im kognitiven und emotionalen Sinn, Fähigkeit, Interaktionspartner einzuschätzen, ihre Ziele, Motive, Empfindlichkeiten wahrzunehmen, soziale Konsequenzen zu antizipieren usw.
Motivationale Kompetenzen: Hohe Motivation, Ziele zu erreichen, hohe Anstrengungsbereitschaft.
|11|Volitionale Kompetenzen: Fähigkeit, Intentionen abzuschirmen, Ziele stringent zu verfolgen, sich Herausforderungen zu stellen u. a.
Zugang zu impliziten Motiven: Die Person hat eine valide Repräsentation impliziter Motive und/oder aktuellen Zugang dazu, sodass sie durch ihre Handlungen diese befriedigen und einen Zustand von Zufriedenheit erreichen kann.
Stress-Kompetenzen: Fähigkeit, eigene Belastungsgrenzen einzuschätzen und einzuhalten, abschotten und entspannen können, Belastungen aushalten können, mit Ambiguität umgehen können usw.
Funktionale Schemata: Gute Selbstwerteinschätzung, hohe Selbst-Effizienz-Erwartung, positive Einstellung zu Interaktionspartnern, realistisches Vertrauen in Interaktionspartner o. Ä.
Entscheidungskompetenzen: Hohe (aber nicht zu hohe) Handlungsorientierung, Fähigkeit, schnell entscheiden zu können, vertretbare Risiken einzugehen (vgl.Sachse, 2020a).
Alle diese Fähigkeiten tragen dazu bei, dass eine Person so handeln kann, dass sie ihre Lebensqualität erhöht, Probleme effektiv löst, erfolgreich ist, Ziele effektiv erreicht und einen Zustand von Zufriedenheit schaffen kann (Flückiger& Kosfelder, 2010;Grawe& Grawe-Gerber, 1999).
In der Therapie mit einer konkreten Person muss aber erst im Detail eruiert werden, welche der möglichen Ressourcen sie tatsächlich aufweist und welche sie sinnvoll wie und in welchem Kontext einsetzen kann.
Dies lässt sich, wie bei Schemata und Zielen, zu Therapiebeginn nur begrenzt durch Explorationen oder Fragebögen herausfinden, und muss im Therapieprozess erst erarbeitet werden. Dennwas eine Ressource ist und ob bzw. wie sie eingesetzt werden kann, hängt vomKontext ab und kann daher erst nach genauer Analyse des Problems, der Kosten, des Kontextes u. a. entschieden werden.
Zur Aktivierung von Ressourcen im Therapieprozess gibt es viele therapeutische Strategien: Diese sollen hier nicht im Einzelnen dargestellt werden, sondern sie werden im weiteren Text bei den einzelnen Störungen dargestellt (vgl. hierFlückiger& Kosfelder, 2010).
Ich möchte mich hier vor allem mitvariablen Ressourcen-Faktoren befassen, also solchen, die man im Therapieprozess fördern oder durch Therapie „freisetzen“ kann.
Wie wir sehen werden, bestehen bei Persönlichkeitsstörungen im Hinblick auf Ressourcen zwei Besonderheiten:
Personen mit PD weisenspezifische Arten von Ressourcen auf, die identifiziert und die in den therapeutischen Fokus genommen werden müssen. ...