1
Als er sich in dieser Nacht aus dem Bett quälte, trennten ihn noch fünfzehn Minuten vom Tod. Sicher hätte Günter Haller, Erster Kriminalhauptkommissar im Münchner Polizeipräsidium, seine Galgenfrist lieber anders verbracht. Doch als ihn der Harndrang weckte, konnte er nicht ahnen, dass es die letzte Gelegenheit sein würde, die altersbedingt vergrößerte Prostata zu verfluchen.
„Ich sollte auf Franz hören und abends vor dem Fernseher diese blöden Kürbiskerne knabbern, anstatt Salzstangen und Gummibärchen in mich hineinzustopfen, verdammt noch mal.“ Er machte kein Licht. Brauchte es nicht. Jeder Winkel des Hauses war ihm bestens vertraut. Sie hatten es in renovierungsbedürftigem Zustand gekauft, und Günter Haller war nicht nur an der Umbauplanung beteiligt gewesen, sondern hatte täglich Zeit auf der Baustelle verbracht, um den Handwerkern auf die Finger zu sehen und selbst mit anzupacken. Damals, vor über dreißig Jahren. So lange lebte er schon hier. Auch nach der Scheidung von seiner Frau, die ihm das Eigenheim gegen eine entsprechende Abfindung ohne Bedauern überlassen hatte. Eigentlich war es viel zu groß für ihn allein. Genau genommen war es das schon für sie beide gewesen. Viel zu groß.
„Ich möchte endlich so wohnen, wie es zu meinem Leben passt“, hatte Ilse Haller gesagt und eine Zwei-Zimmer-Wohnung in München-Schwabing