1. Grenzerkundung
1.1 Vorsicht
„Dem Geist sind keine Grenzen gesetzt, außer denen, die wir als solche anerkennen.“
Napoleon Hill (1883–1970)
Genau so habe ich Coaching gelernt, frei nach dem Motto: Geht nicht, gibt es nicht! Alles, was uns beschränkt, ist der Geist, und jeder Mensch hat die Option, sein Denken zu verändern. Sobald ich persönlich an eine Grenze komme, lerne ich einfach etwas dazu. So kam es, dass ich mir sehr viele unterschiedliche Coaching- und Therapierichtungen angeeignet habe. In meinem Denken schließt sich nichts aus; im Gegenteil, alles fügt sich zu einem großen Ganzen zusammen.
1.1.1 Grenzen wahrnehmen und auflösen
Ich erinnere mich an eine Sitzung vor acht Jahren. Da saß mir im Lerncoaching ein siebenjähriges, völlig traumatisiertes Mädchen gegenüber, das eigentlich nur wegen schlechter Schulnoten zu mir gekommen war. Als sie noch sehr klein war, hatte ihre leibliche Mutter einen schweren Unfall gehabt und vegetierte seither in einer Einrichtung nur noch vor sich hin. Sie erkannte ihre Tochter nicht und es war nicht möglich, mit ihr auf normalem Weg zu kommunizieren. Für das Mädchen war sie dennoch ihre Mutter und sie litt unter der Situation.
Das Coaching hatte ihre sehr liebevolle Stiefmutter veranlasst. In der Schule konnte sich das Mädchen kaum konzentrieren, weil sie immer an ihre leibliche Mutter denken musste und sich schämte, dass sie ihre Stiefmutter gern hatte – ein Dilemma, das sie laufend beschäftigte. Das wurde im Coaching schnell klar, und auch, weshalb sämtliche Nachhilfeaktionen zur Verbesserung der schulischen Leistungen bisher keinen Erfolg gezeigt hatten. Das tieferliegende Thema musste also im Coaching behandelt werden.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon viel Erfahrung, etliche Ausbildungen und eine Heilerlaubnis, der Umgang mit solch einer starken Traumatisierung war mir allerdings bis dato noch fremd. Zwei Tage später meldete ich mich zu einer EMDR-Ausbildung (Eye Movement Desensitization and Reprossessing, eine bilateral stimulierende Traumatherapie nach Dr. Francine Shapiro) an und absolvierte sie mit großem Interesse. Auch danach beschäftigte ich mich noch intensiv mit Traumatherapie.
Die empfundene Grenze löste sich damit auf und ich wusste nun, was in solchen Fällen in Zukunft zu tun war. Eine Grenze zu spüren, sie zuzulassen und dann aufzuheben war und ist ein Erfolgskonzept auf meinem Weg.
„Es ist ein großer Vorteil im Leben, die Fehler, aus denen man lernen kann, möglichst früh zu begehen“, sagte schon Winston Churchill. Dieser Satz hat mich immer begleitet und mich dazu bewegt, laufend weiterzulernen. Die Grenze wurde also zum guten Freund und triggerte fortwährend meine Neugier nach dem Unbekannten im Menschen und nach den Ansätzen, welche die Psychologie und ihre Nachbardisziplinen zu bieten haben.
Ich möchte dir also Mut machen, Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu spüren, aufzulösen und das dazuzulernen, was du brauchst, um deinen Beruf gewissenhaft auszuführen. Denn hinter der Grenze bzw. hinter der Komfortzone liegen das Abenteuer, die Spannung und vor allem das Lernen, die Erkenntnis und oft auch die Erfüllung.
Ich bin Diplom-Psychologin und habe mich schon in den 1990er-Jahren für den Weg der modernen Psychologie entschieden, d. h. ganz bewusst keine Ausbildungen in Psychoanalyse, Psychotherapie und Verhaltenstherapie gemacht, mir aber später erlaubt, mir aus diesen Ansätzen gute Haltungen und Methoden herauszuarbeiten. Ich habe allerdings eine Heilerlaubnis erworben, einen Heilpraktiker für Psychotherapie, damit ich in Deutschland therapeutisch tätig werden darf.
Grenzinfo! In Deutschland macht man sich strafbar, wenn man ohne Heilerlaubnis „heilt“. Der Gesetzgeber geht nämlich davon aus: Nur wer eine Heilerlaubnis erlangt hat und nac