Eines hellhörigen Ohrs bedurfte es nicht, um zu merken, dass das ängstliche Piepsen der Rotkehlchen verstummt war, noch ehe der Regen auf das Schieferdach prasselte. Die Kälte hatte eingesetzt. Doch sie schien ihren aufgeplusterten Brustwanst nicht zu durchdringen. Vom Eckfenster aus konnte ich ihr aus Strohhalmen geflochtenes Nest beobachten. Auf geheimnisvolle Weise war es ihnen gelungen, das zerbrechliche Gehäuse unter die Regenrinne zu kleben. So dick, als seien sie gemästet worden, kuschelten sie sich aneinander und warteten das Ende der Regenschauer ab, um in den Ritzen zwischen den Pflastersteinen Essbares zu finden, Regenwürmer oder vertrocknete Samenkörner, die so winzig waren, dass ich sie mit meinen großen Menschenaugen kaum sah. Wir hatten im Kalender Ende November erreicht. Bald wäre das Jahr Vergangenheit. Unaufhörlich trieb die Zeit mich vor sich hin.
Als ich den Blick vom Vogelnest zur Straße wandte, glaubte ich in einem anderen Jahrzehnt gelandet zu sein. Denn statt der Rotkehlchen und ihrer blanken Äuglein entdeckte ich einen Mann, der dort nicht hingehörte. Er schien sich in den Jahren verirrt zu haben, und so wie die Zeit mich erbarmungslos vor sich hertrieb, riss dieser mir unbekannte Fußgänger, den ich jetzt jedoch trotz des Abstands der Jahre wiederzuerkennen glaubte, mich in den Jahren rückwärts. Ich empfand eine Gleichgewichtsstörung, fast einen Phantomschmerz, als würde jemand an beiden Seiten meines Ichs zerren und mich in Stücke reißen. Der Mann auf der Straße, der sich wegen des Regens eng an die Häuser drückte und ein Spiegelbild eines anderen war, trug einen grauhaarigen Kopf auf den Schultern. Die Ohren hatte er mit gefütterten Klappen geschützt. Er humpelte so unbeholfen wie ein Kind, das am Sackhüpfen teilnahm. Seine Hände, die bei klirrender Kälte den Holzgriff seines Kärrchens umklammerten, hielten jetzt die Enden einer durchsichtigen Regenhaut fest. Das Windgestöbe