Tobias riss die Bürotür von Browns Privatsekretärin auf.
Mrs Parker zuckte zusammen und Kaffee schwappte aus dem Pappbecher auf die Schreibtischunterlage. „Ist was passiert, junger Mann, oder weshalb klopfen Sie nicht an?“, schimpfte sie.
Tobias zerrte ein Papiertaschentuch aus seiner Jeans und tupfte die Sauerei hektisch auf. „Es ist etwas passiert, Mrs Parker, auch wenn es meine ganz private Katastrophe ist!“ Er zielte und warf das vollgesogene Taschentuch in den Mülleimer. „Verzeihen Sie mir. Bitte, scannen Sie mir diese Fotos ein und schicken Sie sie an folgende E-Mail-Adresse.“ Tobias schnappte sich einen Filzstift und schrieb Beatrices E-Mail-Adresse auf einen Notizzettel.
„Nichts werde ich tun, junger Mann. Ohne Mr Browns Anweisung darf ich das nicht!“
„Der Auftrag kann nicht angenommen werden, wenn bestimmte Dinge nicht geklärt werden! Und zwar sofort! In drei Stunden schicken die uns nach Neapel!“
Mrs Parker stemmte die Hände in die Hüften, das dringliche Zeichen für Tobias’ Geheimwaffe: Mit großen braunen Augen bettelte er sie an. Seine Mutter war Deutsche, was Mrs Parker noch nie interessiert hat. Aber von seinem türkischenBaba hatte er die interessante dunkle Haut, den aufregenden Namen, seine Intelligenz, seinen Charme …Komm schon, altes Mädchen!
Mrs Parker kämpfte. Doch in ihren Mundwinkeln begann es zu bröckeln und ein zartrosa Hauch legte sich auf ihre Wangen. „Mr Brown wird Ihnen verzeihen“, stieß er den Zauberspruch aus, er brachte kaum die Lippen auseinander.
Mrs Parkers Ärger löste sich wie durch ein Fingerschnipsen in Luft auf. „Mein Kaffee ist kalt geworden. Ekelhaftes Gesöff!“ Sie erhob sich und ging zur Tür. „Ich hole mir einen neuen. Wenn Sie während meiner Abwesenheit ungefragt hier eindringen und sich an meinem Computer zu schaffen machen, kann ich nichts dafür, meinen Sie nicht?“ Sie seufzte und schüttelte mit gespielter Empörung den Kopf.
Tobias warf ihr eine Kusshand zu. „Das vergesse ich Ihnen nie, junge Frau!“
„Meinen Sie nicht, dass Sie etwas übertreiben, Mr Süliman?“, entgegnete Mrs Parker trocken und verließ den Raum.
Tobias überhörte die Bemerkung geflissentlich; schon saß er am Computer und legte das erste Foto in den Scanner. Seine Hände zitterten.
Als er die Mail an Beatrice abgeschickt hatte, atmete er tief durch. Er knetete Nase und Mund, presste seine Hände fest aneinander, aber sie wollten einfach nicht aufhören zu zittern. Wem hatte er gerade gemailt? Beatrice? Einer Unbekannten? Etwa dieser Maria-Stella? Neben welcher Frau war er heute Morgen aufgewacht? Er spürte noch ihre warmen Lippen, die nach Kaffee schmeckten. Er hatte ihr versprochen, auf sich aufzupassen, als er sich von ihr verabschiedet hatte, um nach London zu fliegen. Sie hatte ihn ein letztes Mal umarmt, ganz ohne Tränen, ohne Theater. Dafür war er ihr dankbar. Sie hatte lediglich gemeint, dass sie seine Wohnung auf Vordermann bringe, damit sie an seinem Schreibtisch, der viel sonniger sei als ihrer, die Mathe-Klausuren ihrer Oberstufenschüler korrigieren könne.
Hatte die behütete Tochter des reichen Signor Mondadori Mathe und Chemie studiert, um sich als Lehrerin in Freiburg, einer schnuckeligen Stadt in Süddeutschland, mit bockigen Gymnasiasten rumzuplagen? Auf die reiche Maria-Stella wartete Mailand, Metropole der Mode, ein Shopping-Paradies für alle Maria-Stellas auf diesem Planeten.
Warum um alles in der Welt duftete Beatrice nach Deo-Roller und trug Kleider von der Stange, während Maria-Stella nur Markenklamotten an ihre Haut ließ? Waren die beiden ein und dieselbe Frau? Es würde ihn auf der Stelle zerreißen! Unvorstellbar! Es konnte nicht sein, dass Maria-Stella picklige Gymnasiasten anstatt reiche Verehrer mit fetten Kisten bevorzugte. Wieso sollte sich eine Maria-Stella für einen globetrotteligen Spinner wie ihn entscheiden, einen Halbtürken dazu, den Geld nicht interessierte und der sich selbst Steine schickte?
Er schüttelte den Kopf. Das ergab alles keinen Sinn. Beatrice konnte nicht Maria-Stella sein und dennoch lächelt