Kapitel 2
Vom Morgen einer bunten Welt
Ich schreckte hoch.
Warme Sonnenstrahlen kitzelten mein Gesicht, Vögel zwitscherten, und ein kühler Wind fuhr durch meine Kleidung. Irritiert blinzelte ich und rieb mir über die Augen.
Ich kniete immer noch auf dem Vordach unseres Hauses. Die Ziegel drückten sich unangenehm durch meine Jeans, obwohl sich meine Beine taub anfühlten, und mein Nacken war steif von der Position, in der ich geschlafen hatte. Aber … ich war noch hier.
Wie war das möglich?
Erneut rieb ich mir über die Augen und schlug mir dann mit den flachen Händen gegen die Wangen. Doch es gab keinen Zweifel, ich war noch hier.
Ruckartig sprang ich hoch, aber meine Beine gaben unter mir nach. Durch das lange Sitzen mussten sie eingeschlafen sein, und ich taumelte unelegant durch das Fenster zurück in mein Zimmer.
Mein Bett mit dem blauen Sternenmuster war nach wie vor unberührt, und das Shūgaishō lag auch noch aufgeschlagen neben meinem Kissen. Nichts hatte sich verändert, und doch war alles anders.
»Mama«, schrie ich. »Papa!«
Ich musste es ihnen sagen. Meiner Schwester Eri und … Riku!
Beinahe wäre ich über meine eigenen Füße gestolpert, als ich nach meinem Handy griff und ihre Nummer wählte.
»Mama, Papa«, schrie ich, während es klingelte. Niemand hob ab. Riku schlief wohl noch oder feierte bereits mit ihrer Familie. Es musste der erste Akatsuki seit dem Kiretsu sein, an dem die jugendlichen Erstgeborenen nicht geholt worden waren. Die erste Nacht, in der der magische blutrote Vollmond der Dämonendämmerung die Yōkai nicht übermächtig gemacht hatte.
Ich schüttelte meine Füße aus, und zwang mich ein paar Schritte vorwärts.
»Mama, Papa«, brüllte ich weiter, und hämmerte gegen meine Zimmertür. »Ich bin noch hier!«
Donnernde Schritte näherten sich auf der anderen Seite.
»Sayuri?«, hörte ich die erstickte Stimme meiner Mutter.
»Ist das ein Trick?«, murmelte mein Vater misstrauisch. Aber ich konnte bereits hören, wie der Schlüssel über Metall schabte, wie das Schloss leise klackte.
Ich konnte nicht warten, bis sie die Tür öffneten, sondern riss sie auf.
»Wie …«, stieß mein Vater aus, seine dunklen Augen vor Schreck geweitet. Seine leicht ergrauten Haare ließen ihn in seinem schlabbrigen, abgetragenen Pyjama alt wirken.
Warme Tränen rannen mir übers Gesicht, als ich mich in seine Arme warf, und gleichzeitig auch meine Mutter näher zog. Ich hatte überlebt. Ich, eine Erstgeborene, war noch hier, obwohl der Akatsuki geschienen hatte. Obwohl ich nach Sonnenuntergang draußen gewesen war.
»Ich weiß es nicht.« Ich löste mich aus der Umarmung. Eri würde es nicht glauben können. Ich sah sie schon vor mir, wie sie allen erzählte, dass sie gesehen hatte, wie ich die Yōkai besiegte. Auch wenn gar keine hier gewesen waren.
Meine Füße hatten zum Glück endlich aufgehört zu kribbeln, und ich rannte zu der Tür mit der krakeligen AufschriftEris Welt.
»Überraschung!«, rief ich, als ich, ohne zu klopfen, eintrat.
Stille antwortete mir. Ihr Bett mit den bunten Blumendecken darauf war leer, und ihr Stoffdinosaurier, mit dem sie heimlich schlief, lag auf dem Boden.
»Eri?«, fragte ich, und meine anfängliche Freude verschwand, als ich langsam auf ihren Schrank zutrat, in dem sie sich so oft versteckte. Doch im Gegensatz zu sonst kam sie nicht herausgesprungen, um mich zu erschrecken.
Meine Eltern stürzten an mir vorbei, durchwühlten ihren Raum, und riefen immer wieder ihren Namen, auch während sie unten nach ihr suchten. Doch meine Füße waren wie festgefroren, ich konnte mich nicht mehr rühren.
Ich hatte mich geirrt. Die Yōkai hatten nicht aufgehört. Es war nicht vorbei.
Sie hatten Eri geholt.
Das Grab der Glühwürmchen
Ich merkte kaum, wie die Zeit verstrich. Irgendwann musste mich jemand aus dem Zimmer geführt haben. Denn nun saß ich an unserem Tisch im Wohnzimmer, einem älteren Mann in kantig geschnittener Uniform mit hellblauem Hemd und dunkelblauer Hose gegenüber.
»Muramoto Sayuri, war Ihre Schwester bei Ihnen im Zimmer?«, hörte ich seine Stimme durch das Rauschen in meinen Ohren sagen. Aber ich konnte ihm nicht antworten. Eri war fort.
»Nein. Ich habe es von außen abgeschlossen.« Meine Mutter kam in mein Blickfeld. Ihre Augen waren gerötet, ihr Gesicht erbleicht. Ich hatte sie noch nie so fassungslos gesehen.
Der Mann vor mir kratzte sich am Kopf. Ich wusste, dass er sich vorgestellt hatte, ich konnte mich nur nicht mehr daran erinnern. All unsere Vorkehrungen, um Eri zu schützen, von denen man uns immer gesagt hatte, sie wären nicht notwendig, weil Eri eine Zweitgeborene war. Das Abschließen unserer Zimmer, der Bann, den wir in ihre Tür hatten ritzen lassen … Alles umsonst.
»Wie war der Abend sonst? Etwas Ungewöhnliches? Ein Ritual vielleicht?« Der Mann sah mich weiterhin an, und ich wusste, ich sollte antworten, mein Schweigen brechen. Ich wollte es auch. Aber mein Kopf war leer.
»Wir haben uns verabschiedet. Von Sayuri.« Ich konnte meinen Vater nicht sehen, doch ich hörte an seiner Stimme, dass er weinte. Weinte ich? Langsam hob ich meine Hand an meine Wange. Trocken.
»Haben Sie ansonsten etwas anders gemacht als üblich?« Der Mann sah von einem zum anderen.
Ja.
»Nein.« Die Stimme meines Vaters brach.
Ich habe auf unserem Vordach geschlafen. Ich war nicht im Haus.
»Nichts, wir haben etwas gegessen, Räucherstäbchen angezündet und versucht, uns bereit zu machen.«
Wir hatten alle gewusst, was passieren würde. Wir hatten gewusst, dass man den Yōkai nicht entkam. Man konnte nicht weglaufen. Nicht zu Akatsuki.
Sie fanden einen immer.
Der Mann vor mir beugte sich über die Zettel, die vor ihm lagen, und erst jetzt bemerkte ich meinen Namen darauf. Unser offizieller Stammbaum. »Muramoto Sayuri ist Ihre leibliche Tochter?«
Die Frage fühlte sich an wie ein Schlag ins Gesicht, und das Rauschen in meinen Ohren verschwand.
»Was wollen Sie damit andeuten?«, fragte meine Mutter, und plötzlich bekamen ihre Wangen wieder mehr Farbe.
»Viele Familien versuchen …«
»Wir nicht!« Ihre Stimme war eisig geworden. »Das führt nur dazu, dass man zwei Kinder verliert.«
»Sie sprechen aus Erfahrung?« Zum ersten Mal wandte der uniformierte Mann seinen Blick von mir ab, wollte die Antwort nicht von mir wissen.
»Ich hatte einen Adoptivbruder und eine Schwester, den Fall können Sie in Ihren Akten nachsehen.« Die Silben klangen abgehackt und in ihren Augen glänzten Tränen, die sie energisch wegwischte. Mein Mund klappte auf. Ich wusste, dass sie ihre Schwester verloren hatte, meine Großmutter sprach häufig darüber. Doch niemand hatte je von einem Bruder erzählt.
Der Mann vor mir blätterte durch unsere Dokumente. Er schien nicht zu wissen, was er als Nächstes tun sollte.
»Und ihr seid euch wirklich sicher, dass Muramoto Sayuri die Erstgeborene ist? Es kommt nicht selten vor, dass Eltern ihren Kindern nicht die Wahrheit erzählen.« Der Beamte sah dabei nicht von seinen Papieren hoch, so als wüsste er selbst, wie unhöflich er gerade war. Ich merkte, wie sich meine Hände zu Fäusten ballten.
»Worauf wollen Sie hinaus?«, knurrte meine Mutter bedrohlich, obwohl ich mir sicher war, dass sie das bereits wusste. Die Fassungslosigkeit war nun endgültig verschwunden.
Der Beamte sank in seinem Stuhl zusammen. »Könnte es sein, dass Eri die Ältere war? Dass eigentlich sie …«
Ich sprang auf, mein Stuhl kratzte laut über den Boden, und ich...