1 EIN MANN AUF DEM MOND
Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihr bevorsteht.
Sie hat ein Recht darauf, ihr Schicksal zu kennen.
Kalliope ist eine von uns.
Es waren nur Worte, und doch kroch mir unwillkürlich eine Gänsehaut die Arme hinauf. Ich lehnte die Stirn gegen das überraschend kühle Fensterglas und blickte auf der Suche nach irgendeinem Fixpunkt in die Nacht hinaus, erahnte den Garten, den alten Baum mit den knorrigen Ästen direkt vor meinem Zimmer, gegenüber das Haus der Martins. Links die in vollkommene Stille gehüllte Magnolienallee mit den namensgebenden Bäumen zu beiden Seiten.
Trotz aller Vertrautheit war da in der Dunkelheit nichts, was mir den so dringend benötigten Halt geben konnte.
Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihr bevorsteht.
Sie hat ein Recht darauf, ihr Schicksal zu kennen.
Kalliope ist eine von uns.
Nicht zum ersten Mal löste die Erinnerung an diese Sätze viele Gefühle gleichzeitig in mir aus: Aufregung, Neugier, aber auch Angst. Doch sobald ich an Großmutters erst wütenden, schließlich resignierten Gesichtsausdruck dachte, überwog Letzteres. Dann schlug mein Herz schneller und wappnete sich für etwas, das viel größer als diese Welt schien.
Ich hatte schon vor langer Zeit damit aufgehört, nur an das zu glauben, was ich mit eigenen Augen sah, denn es existierten Dinge, die man einfachfühlte und nicht richtig erklären konnte. Wie zum Beispiel, als ich vor wenigen Tagen mit dem Fahrrad auf dem Weg zumGlühwürmchen wie immer über den schmalen Bach gesprungen war. Das tat ich, seit ich ein eigenes Rad hatte, und doch war ich zum ersten Mal mit dem Vorderrad hängen geblieben und gestürzt. Und in dem Moment hatte ichgewusst, dass dieses Missgeschick der Beginn von etwas war.
Seit einer halben Stunde tigerte ich nun schon unruhig in meinem Zimmer auf und ab, denn in Nächten wie diesen war es um so Vieles schwerer, das Aufgeschnappte als Unsinn abzutun.
Wo verdammt noch mal bleibt Kai?
Erst hatte ich es mir noch auf meinem Bett gemütlich gemacht und leise vor mich hin gesungen, um die Zeit totzuschlagen, doch obwohl Musik – die Gute, die Wahre, die Schöne – ein Heilmittel für so ziemlich alles war, hatte sie dieses Mal nicht geholfen. Nicht einmalDown on Me von Big Brother and The Holding Company, ein Song, der sonst alles irgendwie besser machte. Vielleicht aber lag es auch an Janis Joplins tiefer Stimme. Sie passte zu gut zu dem düsteren Gefühl, welches mich gefangen hielt, seit ich heute Morgen aus einem dieser grausamen Träume hochgeschreckt war.
Wieder einmal.
Bilder von sich auftürmenden Wassermassen und verzweifelte Schreie, die in diesem Szenario wohl meine eigenen waren. All das umhüllt vom dichten Nebel der Erinnerung, denn … das war es, was mir an meinen Albträumen am meisten zu schaffen machte: die Nähe zur Realität – als handelte es sich um eine Ansammlung eigener Erinnerungen und Erlebnisse.
Auch jetzt konnte ich das Gefühl von Wassermassen, die meine Lunge fluteten und drohten, mir die Luft abzuschnüren, nicht ganz abschütteln – wartete es doch stets am Rande meines Bewusstseins. Ohnehin schien meine Kehle an den Morgen nach den Träumen wie ausgedörrt zu sein.
Himmel, Kai, wo steckst du?
Ich warf einen Blick auf die Uhr – nur noch eine Stunde. Um Mitternacht hatten wir sonst eigentlich immer angefangen.
Ist dieses Jahr alles anders? Pfeifst du auf unsere Rituale?