: Sophie Bichon
: Wenn die Sterne fallen Roman
: Heyne Verlag
: 9783641276553
: Die Himmelsschwestern-Reihe
: 1
: CHF 7.10
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: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wie echt ist der Traum von Frieden und freier Liebe?

Ein Dorf in der Nähe von Berlin, 1969. Kalliope und Kai. Laut und leise. Wildfang und Ruhepol. Seit Kalliope denken kann, ist Kai ihr bester Freund. In diesem langweiligen Sommer vor dem Abitur sind seine Briefe ihr einziger Lichtblick. Doch als Kai aus den Ferien zurück ist, fühlt sich das Zusammensein mit ihm plötzlich fremd an. Zu spät merkt Kalliope, wie viel Kai ihr wirklich bedeutet. Auf der Suche nach sich selbst schließt sie sich der Hippiebewegung an. Und auch Kai geht seinen eigenen Weg. Immer wieder treffen die beiden aufeinander, nähern sich an, entfernen sich wieder. Wenn es nach der Legende ihrer Familie geht, werden Kalliope und ihre beiden Schwestern nur für kurze Zeit wahres Glück finden. Ist also auch Kalliopes und Kais Liebe zum Scheitern verurteilt?

Sophie Bichon ist der Name, unter dem die Bücher von Malou Bichon im Heyne Verlag erschienen sind. Malou wurde 1995 in Augsburg geboren. Dort studierte dey Germanistik und Kunstgeschichte, bevor dey sich ganz dem Schreiben widmete. Inzwischen lebt und arbeitet dey in Hamburg, umgeben von Büchern und deren geliebten Pflanzen. Malou Bichon spricht über Queerfeminismus, wann immer sich demm die Gelegenheit bietet, klärt über Sex(ualität) und Beziehungen auf und schreibt die Romane, die dey sich als queerer Mensch früher so dringend gewünscht hätte. Es geht um die kleinen und großen Momente des Lebens, Fehler und neue Chancen, vor allem aber um Liebe in all ihren wunderschönen Facetten. Wenn Malou Bichon nicht gerade in die Tasten haut, tanzt dey sich in irgendeinem Club die Füße wund, sitzt mit Freund*innen in deren Lieblingscafé oder ist auf der Suche nach dem nächsten Tattoomotiv.

1   EIN MANN AUF DEM MOND

Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihr bevorsteht.

Sie hat ein Recht darauf, ihr Schicksal zu kennen.

Kalliope ist eine von uns.

Es waren nur Worte, und doch kroch mir unwillkürlich eine Gänsehaut die Arme hinauf. Ich lehnte die Stirn gegen das überraschend kühle Fensterglas und blickte auf der Suche nach irgendeinem Fixpunkt in die Nacht hinaus, erahnte den Garten, den alten Baum mit den knorrigen Ästen direkt vor meinem Zimmer, gegenüber das Haus der Martins. Links die in vollkommene Stille gehüllte Magnolienallee mit den namensgebenden Bäumen zu beiden Seiten.

Trotz aller Vertrautheit war da in der Dunkelheit nichts, was mir den so dringend benötigten Halt geben konnte.

Sie hat ein Recht darauf zu erfahren, was ihr bevorsteht.

Sie hat ein Recht darauf, ihr Schicksal zu kennen.

Kalliope ist eine von uns.

Nicht zum ersten Mal löste die Erinnerung an diese Sätze viele Gefühle gleichzeitig in mir aus: Aufregung, Neugier, aber auch Angst. Doch sobald ich an Großmutters erst wütenden, schließlich resignierten Gesichtsausdruck dachte, überwog Letzteres. Dann schlug mein Herz schneller und wappnete sich für etwas, das viel größer als diese Welt schien.

Ich hatte schon vor langer Zeit damit aufgehört, nur an das zu glauben, was ich mit eigenen Augen sah, denn es existierten Dinge, die man einfachfühlte und nicht richtig erklären konnte. Wie zum Beispiel, als ich vor wenigen Tagen mit dem Fahrrad auf dem Weg zumGlühwürmchen wie immer über den schmalen Bach gesprungen war. Das tat ich, seit ich ein eigenes Rad hatte, und doch war ich zum ersten Mal mit dem Vorderrad hängen geblieben und gestürzt. Und in dem Moment hatte ichgewusst, dass dieses Missgeschick der Beginn von etwas war.

Seit einer halben Stunde tigerte ich nun schon unruhig in meinem Zimmer auf und ab, denn in Nächten wie diesen war es um so Vieles schwerer, das Aufgeschnappte als Unsinn abzutun.

Wo verdammt noch mal bleibt Kai?

Erst hatte ich es mir noch auf meinem Bett gemütlich gemacht und leise vor mich hin gesungen, um die Zeit totzuschlagen, doch obwohl Musik – die Gute, die Wahre, die Schöne – ein Heilmittel für so ziemlich alles war, hatte sie dieses Mal nicht geholfen. Nicht einmalDown on Me von Big Brother and The Holding Company, ein Song, der sonst alles irgendwie besser machte. Vielleicht aber lag es auch an Janis Joplins tiefer Stimme. Sie passte zu gut zu dem düsteren Gefühl, welches mich gefangen hielt, seit ich heute Morgen aus einem dieser grausamen Träume hochgeschreckt war.

Wieder einmal.

Bilder von sich auftürmenden Wassermassen und verzweifelte Schreie, die in diesem Szenario wohl meine eigenen waren. All das umhüllt vom dichten Nebel der Erinnerung, denn … das war es, was mir an meinen Albträumen am meisten zu schaffen machte: die Nähe zur Realität – als handelte es sich um eine Ansammlung eigener Erinnerungen und Erlebnisse.

Auch jetzt konnte ich das Gefühl von Wassermassen, die meine Lunge fluteten und drohten, mir die Luft abzuschnüren, nicht ganz abschütteln – wartete es doch stets am Rande meines Bewusstseins. Ohnehin schien meine Kehle an den Morgen nach den Träumen wie ausgedörrt zu sein.

Himmel, Kai, wo steckst du?

Ich warf einen Blick auf die Uhr – nur noch eine Stunde. Um Mitternacht hatten wir sonst eigentlich immer angefangen.

Ist dieses Jahr alles anders? Pfeifst du auf unsere Rituale?