Kapitel 2
Passau, Donnerstag, 13. August 1925
»Ihr wisst, was ihr zu tun habt, also an die Arbeit«, befahl Olga Marscholek. »In zwei Stunden kommen die Gäste an Bord, dann muss alles bereit sein.« Sie drehte sich zu Alma um. »Sie bleiben bei mir, ich muss Ihnen noch einige Dinge erklären.«
Alma nickte, zu aufgeregt, um auch nur ein Wort zu sprechen. Sie war eine halbe Stunde vor dem Wecker aufgewacht, obwohl dieser auf fünf Uhr gestellt war. Immerhin hatte sie so noch Zeit gehabt, schnell bei ihrer Freundin vorbeizulaufen, bevor sie sich zum Dienst melden musste.
Ida hatte nicht schlecht gestaunt, als Alma sie im Morgengrauen mit Steinchen, die sie an die Fensterscheibe warf, aus dem Schlaf riss, um ihr zu erzählen, dass sie in den kommenden Wochen nicht in Passau sein würde.
»Was soll das heißen, du bist nicht in der Stadt?«, hatte sie verschlafen gefragt.
»Ich habe eine Stelle auf derRegina Danubia.«
»Das hast du dir ausgedacht.«
»Nein. Um sechs muss ich dort sein.«
Ida hatte die Strickjacke enger um den Körper geschlungen und sich aus dem Fenster gelehnt. »Warum hast du mir nichts davon erzählt?«
»Weil ich es selbst erst seit gestern Abend weiß. Ich habe mich auf dem Heimweg beworben und bin genommen worden.«
Ida schüttelte den Kopf. »Aber warum …«
»Ich brauche die Stelle. Und in Passau hält mich ohnehin nichts mehr … außer dir natürlich.«
»Ach, Alma«, seufzte Ida. »Du trauerst doch nicht noch immer diesem Taugenichts hinterher.«
»Ich dachte …« Alma verstummte.
»Er ist es nicht wert, ihm auch nur eine Träne nachzuweinen, Süße. Eine wie dich hat der gar nicht verdient.«
»Du hast gut reden, Ida. Du hast deinen Felix.«
»Du wirst schon noch den Richtigen finden.« Auf Idas Gesicht breitete sich ein schelmisches Grinsen aus. »Gibt es nicht jede Menge junge Männer an Bord eines Passagierdampfers?«
»Die interessieren mich nicht.«
»Das werden wir ja sehen.«
Alma schüttelte den Kopf. »Ich muss los, sonst komme ich gleich am ersten Arbeitstag zu spät.«
»Was soll ich nur ohne dich machen, Alma? Schämst du dich nicht, in die weite Welt zu reisen, während ich hier versauere?«
»Ich bin schneller zurück, als dir lieb ist, Ida, wirst schon sehen.«
»Versprich mir, so oft wie möglich zu schreiben. Ich will alles wissen über die aufregenden, skandalösen Dinge, die sich an Bord zutragen.«
Alma hatte schmunzelnd geseufzt. »Ich gebe mein Bestes.«
Mit diesem Versprechen war sie losgespurtet und gerade noch rechtzeitig eingetroffen, um die Ansprache der Hausdame zu hören, mit der sie die Zimmermädchen an die Arbeit schickte.
Alma schätzte Olga Marscholek auf etwa vierzig, auch wenn die Frau auf den ersten Blick älter wirkte, was vor allem an den eher harschen Gesichtszügen lag, die wohl nur selten ein Lächeln verzauberte. Und an den Haaren, die zu einem altmodische