: Markus Bennemann
: Böse Bäume Wie sie töten, stehlen, Feuer legen – die dunkle Seite unserer liebsten Waldbewohner
: Goldmann Verlag
: 9783641294892
: 1
: CHF 8.00
:
: Natur: Allgemeines, Nachschlagewerke
: German
: 272
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kein Wunder, dass wir Bäume so gernhaben: Schon ein kurzer Spaziergang im Wald oder Stadtpark lädt die Seele auf, das lichte Spiel der Blätter vertreibt düstere Gedanken. Doch egal ob heimische Buche oder exotischer Götterbaum: Bäume haben auch eine finstere Seite, die kaum jemand richtig kennt. Sie bestehlen, töten und verstümmeln einander – oder tun sich im ewigen Kampf um Licht, Wasser und Nährstoffe noch Unglaublicheres an!

In seinem neuen Buch verrät uns der Wissenschaftsautor und passionierte Waldgänger Markus Bennemann die unangenehme Wahrheit über das andere – dunkle – Leben der Bäume. Er erzählt von der tropischen Würgefeige, die ihre Opfer arglistig erdrosselt, und der beliebten Walnuss, die in Wirklichkeit eine fiese Giftmischerin ist. Von zündelnden Eukalyptusbäumen, schmarotzenden Edelhölzern und angriffslustigen Akazien – sowie von vielen anderen nicht ganz astreinen Gesellen.

Markus Bennemannkonnte sich während des Studiums nicht zwischen Literatur und Biologie entscheiden. Schließlich ist er bei der Literatur geblieben und schreibt heute Bücher über – Biologie. Mehrere Sach- und Kinderbücher sind bereits von ihm erschienen und wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Er lebt in Wiesbaden.

1 Die Würgerin im Dschungel


Dem ersten – und wahrscheinlich berüchtigtsten – bösen Baum dieses Buches begegne ich auf Bali.

Ich bin nicht zur Recherche dort, sondern aus weniger seriösen Gründen. Ein nach Australien ausgewanderter Freund hat einen runden Geburtstag, und ein paar alte Kumpels wollen mit ihm auf Bali feiern. Für Australier ist die indonesische Insel so etwas wie für uns Deutsche Mallorca, von Deutschland aus liegt sie natürlich nicht ganz so günstig. Sowohl unter Klimaaspekten als auch finanziell ist der Trip ziemlich unvernünftig – aber was tut man nicht alles für seine Freunde.

Unser alter Freund hat seine neuen Kumpels aus Australien mitgebracht, und die machen ihrem Ruf alle Ehre. Ein paar Tage lang gibt sich die deutsche Delegation alle Mühe, sowohl beim Surfen draußen auf dem Meer als auch abends an der Bar nicht vollkommendown under zu gehen. Dann versuchen ein paar von uns, sich durch einen Ausflug ins Hinterland wenigstens eine kleine Verschnaufpause zu verschaffen.

Auf Bali legt man am besten alle Wege im Taxi oder auf dem Rücksitz eines Taxi-Scooters zurück. Man selbst als Fahrer würde den Verkehr wahrscheinlich nicht überleben. Die Balinesen rasen regelmäßig auf der Gegenfahrbahn aufeinander zu und schlängeln sich durchs Gewusel, wie man es sonst nur aus Verfolgungsjagden im Kino kennt. Jeder deutsche Verkehrsteilnehmer würde hinterm Steuer erst mehrere Tobsuchtsanfälle und schließlich einen Nervenzusammenbruch erleiden. Die Balinesen scheinen das ständige, haarscharfe Vorbeischlittern am Tod nicht mal zu bemerken.

Unser Weg führt uns vom dicht besiedelten Süden über Reisterrassen und Bergstraßen zum Danau Tamblingan, dem kleinsten der drei vulkanischen Kraterseen im Norden. Hier kann man nicht nur einen schönen alten Tempel besichtigen, sondern sich auch durch den dichten Urwald an den Hängen des Kraters führen lassen. Vorher bekommt man einen Kaffee serviert, der schon den Verdauungstrakt einer Schleichkatze passiert hat, aber trotzdem noch so stark ist, dass einem die Hände zittern.

Unser Guide führt uns den schmalen Pfad entlang und erklärt Wissenswertes zu Tieren und Pflanzen. Schließlich gelangen wir zu einem hohen alten Baum, der offensichtlich als »Fotobaum« auf den Touren dient. Er ist hohl und lässt genug Platz im Innern, um sich hineinzustellen. Auf einer Seite hat der Stamm eine Öffnung, durch die man sein Gesicht stecken kann. Gehorsam stellt sich einer nach dem anderen in den Hohlraum und macht das obligatorische Foto.

Etwas an dem Baum ist jedoch seltsam. Trifft man im deutschen Wald auf einen hohlen Baum, geht es ihm oft nicht so gut. Die Blätter sind licht, im Innern leben Pilze, Spinnen und Fledermäuse, und morsches Holz zeugt vom nahen Ende.

Der »Fotobaum« im indonesischen Dschungel wirkt jedoch quicklebendig. Die Krone ist voll, die Rinde glatt, nirgends graben Käfer ihre Gänge, und dankenswerterweise hängt auch kein indonesischer Flughund über unseren Köpfen. Noch etwas anderes fällt auf: Der graugrüne Stamm besteht nicht aus einem Stück, sondern aus vielen dünnen Strängen, die miteinander verschmolzen sind wie eine Art hölzernes Gewebe. Das Ganze wirkt organisch, dynamisch, und fast ein bisschen unheimlich.

Das Loch, durch das wir unsere Gesichter gesteckt haben, ist auch kein altes Astloch, sondern eine von zwei Strängen geformte Öffnung. Sieht man zu lange hin, hat man das Gefühl, sie könnte sich jeden Moment schließen. Vielleicht ist das vom »Katzenkaffee« verursachte Herzflimmern schuld, vielleicht