: Jo Angerer
: Wenn Widerstand weiblich ist Die Revolution der Frauen in den postsowjetischen Staaten
: Goldmann Verlag
: 9783641289829
: 1
: CHF 4.50
:
: Politik
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Bilder demonstrierender Frauen in Belarus gingen um die Welt, sie haben die Oppositionsbewegung gegen Alexander Lukaschenko, den »letzten Diktator Europas«, erst stark gemacht. Und auch in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion gärt es. Weg sollen die alten verkrusteten Strukturen aus Politik und Alltag. Und immer sind es die Frauen, die den Protest entscheidend voranbringen: Die osteuropäische Revolution ist vorwiegend weiblich. Der Journalist und Moskauer Auslandskorrespondent Jo Angerer erzählt von den dortigen Aufständen, erläutert die prekäre soziale Situation der Frauen anhand persönlicher Geschichten und setzt ihre Lebensrealität in Verhältnis zur Geschichte und Stellung der Frau in der Sowjetunion, deren Staaten die patriarchale Geschlechterstruktur lediglich restaurierten und weibliche Personen bis heute extrem benachteiligen. Nicht zuletzt schildert er, wie der Russland-Ukraine-Krieg diese Bewegungen nachhaltig beeinflusst. Von Belarus über Russland, die Ukraine bis hin nach Kirgisistan und Aserbaidschan, wo die Zeit in gewisser Weise stehengeblieben zu sein scheint, erzählt Angerer über den Widerstand der Frauen und lässt bewegende, manchmal auch schockierende Berichte und viele kleine Beobachtungen einfließen, die sonst nicht Eingang in Fernsehsendungen wie die Tagesthemen finden. Ein erhellender Einblick in das aktuelle politische Geschehen Osteuropas und seiner Protagonistinnen.

J Angerer, geboren 1956, begann seine journalistische Karriere beim Bayerischen Rundfunk in München. Später arbeitete er für das ARD-MagazinMONITOR, war Autor und Redakteur vieler Dokumentationen in der ARD und im WDR-Fernsehen. Investigative Recherche, Friedens- und Sicherheitspolitik sind sein Spezialgebiet. Seit 2019 lebt und arbeitet er als Korrespondent in Moskau. Zunächst für die ARD und heute für die ZeitungDER STANDARD. Dass Widerstand oftmals weiblich ist, konnte Jo Angerer in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion beobachten, wo gerade die Frauen um grundlegende Menschenrechte kämpfen.

Einleitung


Der 24. Februar 2022 hat alles verändert: die Welt, das Ost-West-Verhältnis, die Ukraine und auch Russland natürlich, mich persönlich, meine Lebensumstände – und dieses Buch: Krieg. Noch kurz zuvor hatte ich als Fernsehkorrespondent in Moskau in einer ARD-Liveschalte nach Deutschland verkündet: Der russische Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze sei eine Drohkulisse, Putin wolle testen, wie weit er bei den neuen Regierungen in den USA und Deutschland gehen kann. Aber Krieg? Niemals. Wie habe ich mich getäuscht, wie haben wir uns fast alle getäuscht.

Mit meiner Frau Erika Haas, einer ausgewiesenen feministischen Wissenschaftlerin, promovierten Ungleichheitsforscherin, Beraterin, Autorin und Journalistin, lebe ich in einer Ausländer-Wohnanlage im Zentrum Moskaus. Nur noch wenige Europäer leben hier; seit Kriegsbeginn haben sich viele westliche Konzerne aus Russland zurückgezogen, die Manager verlassen das Land. Quer über den Hof ist das ARD-Studio, in dem ich bis Ende Januar 2022 als fest angestellter Korrespondent gearbeitet habe. Seitdem bin ich für die ARD freiberuflich tätig und arbeite als Korrespondent für die österreichische ZeitungDER STANDARD.

Ich komme oft an der örtlichen Filiale der Fast-Food-Kette »Lecker und Punkt« vorbei. Bis vor Kurzem war es die Filiale von McDonald’s. Auch dieser Konzern hat Russland verlassen. Ein russischer Investor hat landesweit 850 Filialen übernommen und bietet nun unter neuem Namen die gleiche Speisekarte an. Es sind dieselben Restaurants, dieselben Lieferanten, dasselbe Personal und dieselben Fritteusen. Nur verdient jetzt nicht mehr ein US-Konzern, sondern ein russischer Unternehmer.

»Lecker und Punkt« ist ein Sinnbild dafür, wie wenig sinnvoll die Sanktionspakete des Westens nach Kriegsbeginn in der Ukraine waren und sind. Russland hat Öl und Gas im Überfluss, Rohstoffe, landwirtschaftliche Produkte und gute Kontakte nach China. Wen sollen Sanktionen also schrecken? Produkte aus dem Westen sind sehr teuer geworden, ansonsten aber gibt es in den Supermärkten alles, auch wenn die Preise gestiegen sind. Gas und Strom dagegen sind weiterhin billig. So zahlt eine Kollegin für ihre sechsköpfige Familie in Moskau für Heizung, Strom, Gas, Wasser und die Müllabfuhr nur rund 150 Euro im Monat an Nebenkosten.

Die Russinnen und Russen leiden nur wenig unter den Sanktionen. Die Vorstellungen vieler von einer Versorgungskrise, Volksaufständen, der Vertreibung Putins aus dem Amt dank der Sanktionen – absurd. Für uns Ausländer allerdings ist das Leben komplizierter geworden. Das betrifft nicht nur den Kampf um die Akkreditierung, die Arbeitsgenehmigung für Russland als Korrespondent. Unsere Kreditkarten funktionieren nicht mehr. Von unseren Reisen ins Ausland bringen wir Euro in bar mit, die wir dann in dunklen Wechselstuben umtauschen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir dergleichen passieren würde, wo ich doch für die Abschaffung von Bargeld war.

Vor dem Krieg war es einfacher. Im August 2020 sollte ich für die ARD nach Belarus fahren. Die von Amtsinhaber Alexander Lukaschenko absurd manipulierte Präsidentenwahl und die Proteste dagegen waren natürlich ein wichtiges Thema für Tagesschau, Tagesthemen, Weltspiegel und Europamagazin. Warum gerade ich und keine andere Korrespondentin, kein anderer Korrespondent aus dem ARD-Studio? Die Antwort ist banal: Weil ich der Einzige war, der damals eine Akkreditierung für Belarus besaß.

Aus dem für zwei Wochen geplanten Aufenthalt in Minsk wurden fast drei Monate. Ich habe schnell begriffen, dass der Widerstand, der Protest gegen ein altes, verkrustetes System ganz entscheidend von Frauen getragen und gestaltet wurde. Sie setzten fantasievolle Aktionen dagegen. Immer neue Bevölkerungsgruppen schlossen sich an, schließlich marschierten Hundertausende über die Straßen von Minsk.

Die Demonstrantinnen verstanden sich als Patriotinnen. Voller Heimatliebe, voller Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Demokratie. Die rot-weiß-rote Fahne auf ihren Demonstrationen in Minsk ist eigentlich ein nationalistisches Symbol. Doch die Frauen in Belarus haben damit kein Problem.

Um das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte. Die Sowjetunion hätte eigentlich ein Paradies für Frauen sein müssen. Auf dem Papier herrschte vollständige Gleic