1 GOOD NIGHT, BABY
Ich schlage die Augen auf und blicke in totale Dunkelheit. Ich bekomme kaum Luft. Es ist heiß. Ich spüre die feuchten Stellen auf meinem Rücken. Ein Geräusch lässt mich erstarren. Ich kann nicht sagen, was es ist, und lausche angestrengt. Vielleicht kommt es wieder.
Erst jetzt nehme ich die anderen Geräusche wahr. Als wäre ich aus der Stille des Wassers aufgetaucht. Mit einem Schlag sind alle meine Sinne hellwach. Meine Augen starren weit aufgerissen in tiefe Dunkelheit. Daniel atmet gleichmäßig neben mir. Der Schlafsack, der an mir klebt, raschelt bei der kleinsten Bewegung. Ich versuche, meine schnelle Atmung in den Griff zu bekommen. Mich überkommt die Ahnung, dass etwas nicht in Ordnung ist. Mein frisch erwachtes Selbst ist in Alarmbereitschaft und lauscht – da ist es wieder! Ein glucksender, röhrender Laut, der durch die verwundbare Zeltwand dringt. Zu groß für einen Frosch, zu tierisch für einen Menschen, zu grotesk für ein gesundes Tier. Ein Hirsch würde nicht auf sich aufmerksam machen, sondern still hoffen, dass das seltsame rote Ding, das aussieht wie ein großer Stein und so komisch riecht, ihn noch nicht entdeckt hat. Also muss es ein Raubtier sein. Etwas, das scharfe Zähne hat. Ich denke an den Hirten in Georgien, der uns von den Bären erzählt hat. Aber in einem anderen Tal. Wir sind erst heute nach Aserbaidschan eingereist und direkt in diese abgelegene Gegend gefahren. Wir konnten noch mit niemandem über wilde Tiere reden. Ob sich Bären hier auch wohlfühlen?
Wir sind mitten im Nichts und schutzlos. Seit acht Uhr abends ist kein Auto mehr auf der nahen Schotterpiste gefahren, ich kenne keine Notrufnummer, und die nächsten Nachbarn wohnen sicher zwei Kilometer entfernt. Ich zwinge mich wieder, meine Atmung zu kontrollieren, ziehe meinen Arm aus dem Schlafsack und stupse Daniel an. Der ist sofort hellwach und setzt sich auf. Da ist es wieder.
»Was ist das?«
»Keine Ahnung.«
Ist es nur eines oder sind es mehrere? Ich verfluche die Tatsache, dass uns gerade heute das Pfefferspray verloren gegangen ist.
Wieder ein Röhren. Ich setze mich ebenfalls auf und wir besprechen flüsternd, was wir tun sollen. Das Messer ist in der gelben Tasche und die ist am Tandem, unerreichbar für uns. Daniel hat einen großen Ast zwischen Innen- und Außenplane des Zelts bereitgelegt. Für den Fall, dass das Rudel Straßenhunde, das uns am Tag begegnet ist, nachts auf die Idee kommen sollte, uns einen Besuch abzustatten.
»Ich geh raus.« Ich stelle mir vor, wie er die Außenplane des Zelts öffnet und ein vor Tollwut schäumender Straßenköter ihn anfletscht. Wenn es mehrere sind, haben wir schlechte Karten. Daniel setzt die Stirnlampe auf, knipst sie an und öffnet langsam den Reißverschluss des Zelts, während er den Holzknüppel umfasst.
Ein kühler Schwall Luft lässt mich erschaudern. Sein Rücken versperrt mir die Sicht nach draußen, aber direkt vor dem Zelt scheint das Vieh nicht zu sitzen. Ich kauere hellwach und angespannt hinter ihm.
»Und? Und?« Mein ganzer Körper ist im Fluchtmodus. Gänsehaut überzieht die feuchten Stellen und jeder meiner Muskeln ist angespannt. Daniel zwängt sich aus dem Zelt und richtet sich auf. Ich schiebe meinen Kopf vorsichtig durch die frei gewordene Öffnung. Daniel leuchtet in die Richtung, aus der das Geräusch geko