: Lotte Petri
: Knochengrund Thriller
: Goldmann Verlag
: 9783641244101
: 1
: CHF 2.70
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die dänische forensische Anthropologin Josefine Jespersen wird nach Gotland gerufen, um einige Steinzeit-Skelette zu untersuchen, die bei Grabungen gefunden wurden. Doch als Josefine einen weiblichen Schädel genauer betrachtet, macht sie eine schaurige Entdeckung: Die Frau ist erst vor einigen Jahren getötet worden – und in ihrem Schädel befindet sich der Knochen einer weiteren Person. Die Spur bringt Josefine und den Kriminalkommissar Alexander Damgaard auf einen alten Vermisstenfall. Und als zwei weitere Frauen ermordet werden, ist klar: Josefine und Damgaard jagen einen perfiden Serienmörder …

Lotte Petri lebt in der kleinen Küstenstadt Hornbæk nördlich von Kopenhagen, wo sie sich ganz dem Schreiben widmet. Nach »Teufelswerk« ist »Knochengrund« ihr zweiter Thriller um die forensische Anthropologin Josefine Jespersen.

Kapitel 2


2019
Oskarshamn, Schweden

Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe des betagten Volvo Kombi, in dem Josefine Jespersen in der Warteschlange für die Gotlandfähre stand, die kurz darauf wie ein riesiger Eisberg in den Hafen glitt. Die dicken Wassertropfen verzerrten die Aussicht, ehe sie von den an Taktstöcke erinnernden Scheibenwischern entfernt wurden. Irgendwo aus dem dunstigen Nichts tönte das tiefe Signal eines Nebelhorns.

Sie war schon bei schlechtem Wetter aus Kopenhagen losgefahren, aber in der hier herrschenden Nebelsuppe war die Sicht minimal. Himmel und Meer verschwammen ineinander. Sie kurbelte das Seitenfenster herunter und spürte die verdichtete Feuchtigkeit des Nebels, in die sich der Geruch nach Meer und ein Hauch Diesel mischte. Von weit oben über der Wolkendecke erklang heiseres Möwengeschrei, und der Abgasgestank klebte sich an die Schleimhäute.

Es kribbelte im Bauch bei der Aussicht, endlich einmal wieder ihr altes Institut auf der schwedischen Insel Gotland wiederzusehen, wo sie ihre Ausbildung zur Rechtsanthropologin begonnen hatte – oder zur Knochenexpertin, wie ihre Freunde es lieber nannten, um die korrekte, zungenbrechende Berufsbezeichnung zu umgehen. Josefine war sich schon im Klaren darüber, dass alle ihren Beruf ziemlich abgedreht fanden, und sie hatte sich im Lauf der Zeit an die Reaktionen der Leute gewöhnt, wenn sie wegen eines Knochenfundes ganz aus dem Häuschen war. Natürlich hatte sie sich auch schon häufig gefragt, ob ihre Entscheidung für ausgerechnet diesen Fachbereich einer Art seelischer Störung entsprang, aber glücklicherweise hatte sie Kollegen, die ihre glühende Begeisterung teilten. Trotzdem vermied sie es in Alltagsgesprächen, präziser auf ihre Arbeit einzugehen. Längst nicht alle Menschen verkrafteten ihre Geschichten von bizarren Morden, Skeletten und Bruchflächen an Knochen. Und sie hatte im Laufe ihrer Karriere gelernt, dass der Tod nach wie vor ein so großes Tabuthema war, dass die Wenigsten darüber reden wollten, und schon gar nicht bei einem gemütlichen Abendessen, während der Gastgeber den Braten aufschnitt. Das war ein absolutesNo-Go.

Sie war von den schwedischen Kollegen eingeladen worden, um ihnen bei der Untersuchung von Skeletten zur Seite zu stehen, die an Visbys Galgenberg ausgegraben worden waren. Der Vergleich der schwedischen Funde mit dänischen Knochen aus der gleichen Periode fügte sich wunderbar in ihre Studien über die Volksgesundheit der Dänen im 19. Jahrhundert, für die sie in den letzten Jahren altes Knochenmaterial von Friedhöfen und anderen Ausgrabungen untersucht hatte. Sie war gespannt zu sehen, ob es im Laufe der Zeit geografische Unterschiede der Krankheiten gab. Das Projekt war vom Institut für Archäologie und Alte Geschichte auf Gotland initiiert. Dem Namen zum Trotz befasste sich das