: Paul Bokowski
: Schlesenburg Roman
: btb Verlag
: 9783641279479
: 1
: CHF 12.60
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: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
"Wie Paul Bokowski uns rauslockt, zum Spielen in den Hof, in die Sehnsüchte und Abgründe der Kindheit, das ist großes Leseglück." Bov Bjerg

Schlesenburg wurde sie genannt, unsere Siedlung am Stadtrand, in der im Sommer 89 die Wohnung der Galówka brannte. Sechzig Familien waren wir, fast allesamt aus Polen. Und plötzlich ging die Angst um, jetzt würden hier bei uns Rumänen oder Russlanddeutsche einziehen. Die halbe Burg schaute mit Abscheu auf das Asylbewerberheim, wo sie alle wohnten, und mit zu viel Stolz darauf, dass man es selber hinter sich gelassen hatte. Es war das Jahr, in dem das neue Mädchen in die Siedlung zog, das Jahr, in dem Darius verschwand, in welchem Mutter nur Konsalik las und ich zu spät begriff, dass Vater mit der ausgebrannten Wohnung seine eigenen Pläne hatte...

„Schlesenburg“ erzählt von Flüchtlingen und ihren Hiergeborenen, von Heimweh und einer neuen Heimat. Ein so warmherziger wie bittersüßer Roman über den Traum von Anpassung und Wohlstand – und die Frage, wo man hingehört, wenn man nicht weiß, wo man hergekommen ist.

Paul Bokowski, geboren 1982, gehört zur Speerspitze der Berliner Lesebühnenszene. Der Autor, Vorleser und Geschichtenerzähler lebt seit über zehn Jahren in einem der unbeirrbarsten Problembezirke der bundesdeutschen Hauptstadt. Er ist jüngstes Mitglied der Lesebühne »Brauseboys«, Gründungsmitglied der Literaturveranstaltung »Fuchs& Söhne« sowie festes Redaktionsmitglied der Satirezeitschrift »Salbader«. 2012 erschien sein Überraschungserfolg »Hauptsache nichts mit Menschen«. Der 'Woody Allen des Weddings' entstammt einer deutsch-polnischen Familie und ist in seinem zweiten Leben leidenschaftlicher Backblogger.

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Precz

Bis zum Feuer in der Nummer 11, ich war gerade neun geworden, war die Schlesenburg eine makellose Wohnbausiedlung. Ein blütenweißer Sozialbaukomplex am nördlichen Ende des Breslauer Rings. Nimmt man es genau, war dieser Ring nichts anderes als eine schnurgerade Straße, die nach Süden hin abfiel. Die leichte Steigung machte den Gang zur Arbeit mühseliger als den Weg zu Aldi, was Vater seit jeher als kapitalistisches Kalkül betrachtete. Ich war zwei, als wir in die Schlesenburg zogen. An nichts davor kann ich mich erinnern. Schon gar nicht an das Flüchtlingsheim am südlichen Ende des Breslauer Rings. Eigentlich war es eine Asylbewerberunterkunft. Aber die Zeit, die es brauchte, das Wort in voller Länge auszusprechen, war so lang, dass es aufsummiert eine gut bezahlte Nachtschicht bringen konnte, das Ganze etwas abzukürzen. Außerdem fand es Mutter höhnisch, dass man den Neuankömmlingen gleich am Anfang einen Achtsilber abverlangte. Wir sagten also schlichtweg Lager dazu.

Wenn ich mich im vierten Stock der Schlesenburg in das Geländer presste und die Bäume am Ring keine Blätter trugen, war es mir im Schwindel so, als könne ich das Lager am Horizont erahnen. Aber so waghalsig ich mich später auch über die Brüstung beugte, mit fünf oder sechs oder sieben Jahren, nie wollte mein Blick weiter reichen als bis zum Hallenbad mit seinem führerlosen Sockel. Diesem meterhohen Sandsteinklotz, auf dem früher, vor dem Krieg und im Krieg, ein großer strenger Hitlerschädel in die Altstadt gestarrt hatte, bis er in den letzten Kriegstagen verschwand. Egal wie leichtsinnig ich meinen kleinen Körper auch über dem Abgrund der Erinnerung balancierte. Nur manchmal, ganz selten, konnte ich unten im zweiten Stock unseres Hauses zwei fahle Beine entdecken. Wir Kinder in der Burg gierten immerzu darauf, endlich einen Toten zu sehen. In der Hierarchie der Schlesenburg hätte es mich ein ganzes Stück vorangebracht, dahingehend der Allererste zu sein. Einmal, mit sechs, sah ich im zweiten Stock sogar Brüste, die aber zu rosig glänzten, um eine Tote zu sein. Umgehend verlor ich jedes Interesse und fand es, bis zuletzt, nicht wieder. Der Mehrwert zweier Brüste wollte sich mir damals wie heute nicht erschließen. Auch Vater stand sehr gerne am Balkon. Dass er nicht träumerisch die Aussicht genoss oder wehmütig Richtung Osten starrte, sondern jahrelang und immerfort auf junge deutsche Brüste hoffte, das kam mir erst mit Mitte zwanzig in den Sinn.

Die Nachricht vom Bau der Schlesenburg hatte im Lager wie ein Lauffeuer die Runde gemacht. Mein Vater scharwenzelte fortan wöchentlich um die Baugrube herum, und als der Rohbau endlich stand, schoss er uns bei der ersten Maklerin am Platz die beste Dreiraumwohnung, gleich im ersten Block. Vater hatte wenig Charisma, aber einen basslastigen slawischen Akzent und tiefe braune Augen. Ich muss nicht selbst dabei gewesen sein, um erahnen zu können, wie der Frau die Hitze an den Hals schoss, als sie ihn sah. So war das oft. Einen Mann, der schon zu Ostern eine beneidenswerte Sommerbräune annahm und erst nach Weihnachten wieder erblasste. Wie es ihr vorkam, als wäre da, neben dem Muff nach Heizkörperlack und frischem Estrich, ein zarter Duft von Nadelholz und herbsttrockenem Gras und in der Kopfnote ein braunes Fohlen. Es wäre nicht das erste Mal