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Hellhörig
Agnes Sharp öffnete die Tür des örtlichen Quacksalbers und steckte die Nase hinaus ins Freie. Ein kalter Wind fuhr ihr ins Gesicht, zerrte an ihrem Schal und kroch ihr sofort in die Glieder. Pfui Teufel!
Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, sich ein Taxi rufen zu lassen. Dann warf sie einen Blick zurück ins Wartezimmer, wo eine Menge Leute verdammt froh schienen, sie endlich loszuwerden. Mindestens ebenso froh, wie sie ihrerseits war, diesen kleingeistigen Spießern nun den Rücken zudrehen zu können. Es hatte einige unschöne Szenen und sogar etwas Gerangel um eine abgegriffene Illustrierte gegeben, und als die Sprechstundenhilfe Agnes’ Blick bemerkte, runzelte sie besorgt die Stirn.
Zurück ins Wartezimmer? Bloß nicht!
Nun denn!
Agnes fischte ihren Gehstock aus dem Schirmständer und trat beherzt auf den Gehsteig. Wenigstens war die Luft hier frisch, nicht so abgestanden wie in der Praxis, und ein wenig Bewegung hatte noch niemandem geschadet.
Außer ihrer Hüfte vielleicht.
Schwer auf den Gehstock gestützt, stakste sie los.
Klack-klack-klack.
Wie ein seltsames Tier mit drei Beinen.
Erst zwei Häuser weiter fiel Agnes auf, wie dunkel es schon war.
Noch nicht einmal fünf und schon dunkel. Rabenschwarz, genau genommen.
Zustände waren das …
Ihr Dorf hatte erst vor zehn oder zwanzig Jahren den Sprung in die Gegenwart gewagt und die eine oder andere Straßenlaterne angeschafft, Lichtinseln in der Nacht. Viele waren es nicht. Am anderen Ende der Straße erspähte Agnes die Bushaltestelle, hell erleuchtet. Verheißungsvoll.
Dort musste sie hin.
Aber erst einmal galt es, sich an der Kirche vorbeizukämpfen, und die lag, ummantelt vom Friedhof, in dicker, suppenartiger Schwärze.
Agnes umklammerte den Gehstock. Ihre größte Angst war es, in der Dunkelheit irgendein Hindernis nicht zu bemerken, zu fallen, nicht mehr auf die Beine zu kommen und dann von den Wartezimmerkaspern gefunden und gerettet zu werden oder gar von der schnippischen Sprechstundenhilfe, die ihr vorhin die Illustrierte abgenommen hatte.
Die Schmach. Die Schande. Die blöden Bemerkungen.
Nicht auszudenken!
Also ging sie noch langsamer und benutzte ihren Stock dazu, vor sich im Dunkeln nach Stolperfallen zu tasten. Nichts. Zu allem Überfluss legten plötzlich die Kirchenglocken los, alle auf einmal, wie um sich über sie lustig zu machen. Agnes zuckte zusammen. Bis vor Kurzem wäre ihr das Läuten gar nicht groß aufgefallen, ein dumpfes Hintergrundgeräusch wie viele andere auch, aber jetzt, mit dem Hörgerät, fuhr ihr jeder Glockenschlag in die Glieder wie ein kleiner Schock. Ganz schön stressig, so ein Hörgerät!
Agnes hinkte stur weiter.
Doch als sie