1 AUGEN IN DER DUNKELHEIT
Sie stand im Eingang des Lokals, um das ich nun schon die fünfte Nacht in Folge herumschlich. Rote Lippen und Dauerwelle in ähnlichem Feuerton. Die Zigarette elegant zwischen den Fingern und einen weißen Pelzmantel um den ausladenden Körper geschlungen. Oben ein Meer aus Fluffigkeit, unten nackte Beine und glänzende Plateaustiefel.
Meine Mutter hätte hinter vorgehaltener Hand gewispert, die Fremde sehe wie einleichtes Mädchen aus, doch ich konnte in ihrem Auftreten und der selbstsicheren Pose nur Schönheit erkennen, nur Reizvolles. Unwillkürlich fragte ich mich, wie es sich wohl anfühlen mochte, mit einer Frau zu schlafen.
Mit jemandem wie ihr.
Mit ihr.
Nackte Haut und Körper an Körper.
Die Tür des Ladens schwang auf, woraufhin einige Besucherinnen hinaushuschten. Hinter dem Lachen und den von Alkohol geröteten Wangen bemerkte ich dieselben umsichtigen Blicke zu allen Seiten, die auch meine Schritte zurMadame stets begleiteten. Diesem Lokal, das sich wie so viele andere als Treffpunkt fürbesonders gute Freunde tarnte. Allein seine Existenz bewies, dass sich längst etwas in Aufruhr befand. Es hätte 1971 begonnen, mit Rosa von Praunheims DokumentarfilmNicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt, raunte man sich zu. Mit Wut und Frustration in Schwarz-Weiß, mit der unterschwelligen Botschaft, dass die Zeit des Versteckens endgültig vorüber war und wir es selbst in der Hand hatten.
Seitdem hatte ich jede mehr oder weniger verschlüsselte Zeitungsannonce intensiv studiert, jedes Flugblatt gesammelt und jeden Hinweis begierig aufgesogen, der von anderen frauenliebenden Frauen zeugte. Und von ersten Zusammenschlüssen, die zu so etwas wie einer Bewegung werden konnten. Alles lief unter der Hand und nur, wenn man jemanden kannte, der jemanden kannte.
Lange Zeit war das genug gewesen, aber nun wünschte ich mir mehr. Deshalb hatte es mich erst vom kleinen Niemstedt in den Hörsaal und jetzt hinaus in die echte Welt getrieben, nach Hamburg.
Ich wollte dorthin, wo Geschichten geschrieben, wo über das Zeitgeschehen berichtet wurde – so wie in der schwulen ZeitschriftRosa, die vor zwei Jahren in der Hansestadt gegründet worden war. Ich wollte endlich anderen Lesbierinnen begegnen, frei sein und die Einsamkeit niederkämpfen, die mich auch unter Menschen stets befiel.
Unbemerkt war ich einen Schritt aus dem Schatten hinausgetreten. Voller Sehnsucht und kribbeliger Vorfreude, weil ich mich doch nur überwinden musste, nur mutig sein und das tun, weshalb ich vor wenigen Tagen nach Hamburg gezogen war. Weshalb ich seitdem immer wieder die Dunkelheit abwartete, um durch St. Georg zu schleichen.
Die Rothaarige hob den Kopf und blickte in meine Richtung. Ich war einen Atemzug zu langsam, ehe ich einen Satz nach hinten machte – und mit dem Rücken gegen eine Hausfassade stieß. Wie wild schlug mir das Herz gegen die Brust. Ob die Fremde meine widerstreitenden Gefühle gesehen hatte? Ob sie ahnte, dass ich mich am Ende immer nach Hause und in ein neues Buch flüchtete, statt endlich ich selbst zu sein? Auch heute würde ich es nicht mehr wagen, das wusste ich jetzt.
Vielleicht ja morgen.
Oder am Tag danach,
in einer anderen Frühlingsnacht.
Ich sollte gehen, bevor ich mir hier noch weiter die Beine in den Bauch stand. Oder die schöne Frau herüberkam und mich fragte, weshalb ich sie derart gruselig aus der Dunkelheit heraus beobachtete. Ich war alles andere als auf den Mund gefallen, aber was ich darauf erwidern sollte … keine Ahnung.
Ich nahm den Weg zurück, den ich gekommen war. Und wieder schaute ich mich zu allen