: Ria Karlotti
: Zum Verlieben ähnlich
: Ashera Verlag
: 9783948592578
: Das RosenRote Schlüsselloch
: 1
: CHF 4.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 240
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Silke ist glücklich verheiratet und Mutter eines vierjährigen Sohnes. Ein Chansonabend bringt das Leben der Mittdreißigerin gehörig durcheinander: Sängerin Daria gleicht ihr wie ein Zwilling dem anderen! Ihr Lebensstil jedoch hat mit Silkes gutbürgerlicher Existenz wenig gemein. Die naturverbundene Daria isst vegan, raucht Haschisch, verabscheut materielle Werte und kommuniziert mit dem Universum - und sie lebt in einer offenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Zuerst ist es nur Neugier, die Silke den Kontakt zu ihrer Doppelgängerin suchen lässt. Doch nach und nach wird ihr bewusst, wie sehr sie sich zu der sinnlichen Künstlerin hingezogen fühlt.

In Österreich geboren, verschrieb sich Ria Karlotti seit frühester Kindheit mit Herz und Seele der Literatur. Als Kommunikationschefin eines größeren Unternehmens hat sie auch beruflich viel mit Sprache zu tun - in ihren Kurzgeschichten und Romanen gesellen sich romantische Verwicklungen und erotisches Prickeln dazu. Im Ashera Verlag ist bereits ihre Novelle »Noch einmal brennen« erschienen (»Sinneslust 2: Erotikgeschichten (Das RosenRote Schlüsselloch)«).

 

Auf Zehenspitzen schlich Silke aus dem Kinderzimmer. Im Stillen verfluchte sie die Türangel, die ihren letzten Versuch, sich davonzustehlen, durch lautes Quietschen zunichtegemacht hatte. Das Kind, das sie gute zwanzig Minuten lang in den Schlaf gesungen hatte, war wieder aufgewacht und hatte greinend nach einem weiteren Gutenachtlied verlangt. Allerdings brauchte es nicht eines, sondern drei Lieder und ein Märchen, bis Jakob endlich wieder die Augen zufielen. Inzwischen fühlte sich Silke gerädert und wäre am liebsten auf direktem Weg ins Bett gegangen. Aber heute hatte sie noch etwas vor.

Im Zeitlupentempo, Millimeter für Millimeter, drückte sie die Tür auf, immer darauf gefasst, das unsägliche Knarren und gleich darauf hinter sich die Stimme ihres Sohnes zu hören. Sobald der Spalt groß genug war, dass sie hindurchschlüpfen konnte, schob sie sich hinaus auf den Flur und machte sich daran, die Tür ebenso langsam, wie sie sie zuvor geöffnet hatte, wieder zu schließen. Lautlos drückte sie die Klinke.

Geschafft!

Aufatmend verharrte die geplagte Mutter einen Augenblick vor der Zimmertür ihres Sohnes. In die Erleichterung über die gelungene Flucht mischte sich schlechtes Gewissen über das Ausmaß dieser Erleichterung. Jakob war doch ihr geliebter Junge – ein Wunschkind, mit dem ihr größter Traum in Erfüllung gegangen war! Dennoch fühlte sie sich durch den allabendlichen stundenlangen Frondienst an seinem Bett eingeengt und belastet.

Vielleicht war es deswegen eine gute Idee gewesen, sich heute mit Marina zu verabreden. Trotz ihrer Müdigkeit war der Gedanke, einmal ohne die Kinder etwas mit ihrer besten Freundin zu unternehmen, durchaus verlockend. Silke hätte es zwar vorgezogen, gemeinsam essen zu gehen und danach in eine Bar oder vielleicht sogar in einen Club – wie früher, in ihren wilden Zeiten – aber da Marina dieser Chansonabend so viel bedeutete, hatte sich Silke in ihr Schicksal gefügt. Hauptsache, sie kam wieder einmal unter Menschen!

Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie sich beeilen musste, wenn sie nicht im Hausfrauenoutfit auf das Konzert gehen wollte. Rasch machte sie sich auf den Weg ins Bad, vorbei an ihrem Ehemann Paul, der im Wohnzimmer vor dem Fernseher saß und ihr einen mitfühlenden Blick zuwarf.

»Das hat mal wieder gedauert! Tut mir leid, dass ich es dir nicht abnehmen konnte, aber er besteht ja leider darauf, dass du ihn ins Bett bringst.«

»Ja, leider.« Silke seufzte. Früher hatte sie die Mütter verachtet, die ihre Kinder verzärtelten und nach der Pfeife der Nachkommenschaft tanzten. Nie hätte sie geahnt, wie kurz der Ast war, auf dem man als Mutter saß, und um wie viel länger derjenige der lieben Kleinen.

 

Im Badezimmer angekommen, warf sie einen kritischen Blick in den Spiegel. Nun ja. Verglichen mit ihrem Aussehen vor fünf Jahren, bevor sie mit Jakob schwanger geworden war, fiel ihr Anblick jetzt eher bescheiden aus. Aber damals war sie auch noch keine dreißig, Stammgast im Fitnessstudio, bekam regelmäßig ihre sieben Stunden Schlaf, und ihre Freizeit gehörte ihr all