Kapitel 1 – Kinder des Mondes
»Meine Schwestern, unsere Göttin hat uns reich gesegnet. Ich sehe Glück und Erfolg in unserer Zukunft. Unser Zirkel wird wachsen und gedeihen, so wie der Mond, der heute neu am Himmel geboren wird und den die Göttin bald wieder voll und leuchtend am Firmament über uns wachen lässt. Vor uns liegt eine Zukunft, wie sie unsere Ahninnen nicht hätten erträumen können.«
Jessas Magen zog sich krampfhaft zusammen, als sie die Worte ihrer Tante hörte. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Zirkels stand sie im Garten um den weißen Marmorbrunnen versammelt, und sah zu Cynthia. Ihre Tante hatte die Arme in die Luft gestreckt, wodurch das silberfarbene Gewand ihr bis zu den Schultern rutschte. Die Kapuze war mit Haarnadeln an ihrem blonden Haar befestigt. Für einen Unwissenden sah es so aus, als hielte ihre Macht allein die Kopfbedeckung an ihrer Stelle.
Doch es war nicht diese Show, die ihre Tante veranstaltete, die Jessa abgrundtief abstieß, es waren ihre Worte. In jedem von ihnen spürte sie die Lüge. Sie unterdrückte den Drang, ihre Tante dessen zu bezichtigen. Aber man beschuldigte die Anführerin eines Zirkels nicht ungestraft eines Vergehens jedweder Art. Erst recht nicht die Anführerin des eigenen Zirkels.
»Was ist?«
Jessa warf ihrer Cousine, die neben ihr stand, einen kurzen Blick zu, dann schüttelte sie den Kopf. Sie wollte Ava nichts über ihr Gefühl sagen, solange sie selbst nicht erklären konnte, weshalb sie davon überzeugt war, dass Cynthia log. Avas Blick war durchdringend, als versuche sie, die Antwort aus Jessas Gedanken zu lesen. Soweit Jessa allerdings wusste, war Ava dazu – glücklicherweise – nicht in der Lage.
»Vor vielen Jahren wurden wir unterdrückt, gejagt und mussten um unser Leben fürchten. Diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei. Wir haben gelernt, uns zu verstecken, unsere Kräfte heimlich zu meistern. Wir wurden stärker und heute gibt es keine Gefahr mehr, die uns noch etwas anhaben könnte. Noch nie waren wir so sicher, wie in diesen Tagen.«
Unauffällig presste Jessa eine Hand gegen ihren Bauch, als das Ziehen darin noch stärker wurde. Cynthia log sie an. Sie alle. Sie spürte es mit jeder Faser ihres Herzens und verstand nicht, wieso sonst keiner auf diese offenkundigen Lügen reagierte.
»Ava, komm zu mir.« Cynthia streckte die Hand nach ihrer Tochter aus. Jessa sah aus den Augenwinkeln, wie Ava ihr einen besorgten Blick zuwarf, ehe sie zögernd an die Seite ihrer Mutter trat. Wenigstens eine der Anwesenden weiß, dass unsere Anführerin lügt, schoss es Jessa durch den Kopf. Ihre Cousine w