: Victor Hugo
: Die Elenden. Band Drei: Marius
: apebook Verlag
: 9783961304677
: 1
: CHF 2.70
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: Erzählende Literatur
: German
Victor Hugos Geschichte über Ungerechtigkeit, Heldentum und Liebe folgt dem Schicksal von Jean Valjean, einem entflohenen Sträfling, der entschlossen ist, seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch seine Versuche, ein angesehenes Mitglied der Gemeinschaft zu werden, werden ständig bedroht: durch sein eigenes Gewissen und durch die unerbittlichen Ermittlungen des verbissenen Polizisten Javert. Aber Valjean muss nicht nur für sich selbst frei bleiben, denn er hat geschworen, die kleine Tochter von Fantine zu beschützen, die von der Armut in die Prostitution getrieben wurde. Der Klassiker 'Die Elenden' (auch bekannt unter dem französischen Titel 'Les Misérables') liegt hier in der Übertragung ins Deutsche von G. A. Volchert vor. Die Rechtschreibung dieser Erstübertragung wurde überarbeitet und weitestgehend dem heutigen Sprachgebrauch angepasst. Dieses ist der dritte von insgesamt fünf Bänden.

Erstes Buch.

Ein Atom von Paris


I.
Parvulus

Was der Sperling im Walde ist, das ist der Straßenjunge in Paris.

Vermählet die Begriffe Paris und Kindheit, so erzeugen sie ein kleines Lebewesen, einenhumunico, wie Plautus sich ausdrückt, ein Menschlein.

Das Menschlein ist vergnügt. Es ißt sich nicht jeden Tag satt, geht aber jeden Abend, wenn es ihm beliebt ins Theater. Es hat kein Hemd am Leibe, keine Stiefel an den Füßen, kein Obdach über seinem Haupt; es gleicht den Fliegen unter dem Himmelsgewölbe, die alles dies auch nicht haben. Es ist sieben bis dreizehn Jahr alt, lebt in Rudeln, tummelt sich gern auf gepflasterten Straßen, logiert im Freien, trägt eine alte Hose von Vatern, die ihm bis unter die Hacken reicht, einen alten Hut von einem andern »Vater«, der bis über die Ohren hinabgeht, einen Hosenträger aus gelbem Sohlband, bummelt, späht nach Beute, bettelt, schlägt die Zeit tot, raucht Pfeifen an, flucht wie ein Heide, besucht Kneipen, pflegt Umgang mit Spitzbuben, duzt sich mit Dirnen, spricht die Gaunersprache, singt zotige Lieder und hat doch nichts Schlechtes im Herzen. Denn in seiner Seele hat er eine Perle, die Unschuld, und Perlen zergehen nicht im Kot. Das Kind soll unschuldig sein, so will es Gott.

Würde man die Riesenstadt fragen: Was ist denn das für Einer? so würde sie antworten: »Mein Kleiner.«

 

II.
Einige von seinen Merkmalen

Um uns keiner Übertreibung schuldig zu machen, wollen wir gestehen, dass unser Rinnsteincherub bisweilen doch ein Hemd hat, aber dann ist’s auch nur ein einziges; bisweilen besitzt er auch Schuhe oder Stiefel, aber die haben keine Sohlen; er hat auch manchmal eine Wohnung und hält sich gern darin auf, weil er seine Mutter dort trifft; aber die Straße, wo er die Freiheit trifft, ist ihm lieber. Er hat eigene Spiele, eigene Bosheiten, mit denen er seinem Groll gegen die besser situierten Leute Luft macht, eigene Metaphern, eigene Gewerbe, z. B. Droschkentüren aufmachen.

Er hat auch seine eigene Fauna, allerhand Ungeziefer, dem er ein eingehendes Studium widmet: Marienwürmchen, Blattläuse, Weberknechte, Ohrwürmer, greuliche Erdmolche, die zwischen den Steinen abzufassen eine Heldentat ist. Ein anderer Hauptspaß besteht darin, dass man plötzlich einen Pflasterstein aus der Erde reißt und einen Schwarm lichtscheuer Asseln überrascht.

Selbstredend hat die Straßenjugend auch eine eigene, zoologische Geographie von Paris. So ist z. B. das Pantheonviertel wegen seiner Tausendfüße berühmt, die Gräben des Champ de Mars zeichnen sich aus durch ihre Kaulquappen u.s.w.

An Witzen und geistvollen Einfällen ist der Pariser Straßenjunge so reich wie Talleyrand. Er ist auch nicht weniger cynisch, aber rechtschaffener als Dieser.

Bei einem Begräbnis befindet sich unter den Leidtragenden auch ein Arzt. »Nanu!« meint ein Straßenjunge. »Das ist ja ganz was Neues: Ein Doktor, der seine Arbeit persönlich abliefert!«

 

III.
Wie nett er ist!