: Victor Hugo
: Der Glöckner von Notre Dame. Band Zwei
: apebook Verlag
: 9783961304639
: 1
: CHF 2.70
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: Historische Romane und Erzählungen
: German
Die Geschichte spielt im Jahr 1482. In den gewölbten gotischen Türmen der Kathedrale Notre-Dame lebt Quasimodo, der bucklige Glöckner. Wegen seines Aussehens verspottet und gemieden, wird er nur von Esmeralda bemitleidet, einer schönen Zigeunertänzerin, der er völlig verfallen ist. Esmeralda hat jedoch auch die Aufmerksamkeit des finsteren Erzdiakons Claude Frollo, Quasimodos Ziehvater, auf sich gezogen, und als sie seine lüsternen Annäherungsversuche zurückweist, schmiedet Frollo einen Plan, um sie zu vernichten. Aber nicht nur Quasimodo und sein düsterer Herr sind in hoffnungsloser Liebe zu der Tänzerin entbrannt - auch der tapfere Soldat Phoebus und der Dichter Gringoire verfallen Esmeralda... Ein verrückter Priester, ein vagabundierender Dramatiker, ein aufstrebender Soldat und ein missgestalteter Glöckner - sie alle sind von der Schönheit und dem Charme eines Zigeunermädchens fasziniert und gefesselt. Wer wird sie verraten und wer wird ihr treu bleiben, selbst im Schatten des Galgens? Diese bunt zusammengewürfelte Gruppe von Geächteten findet Zuflucht in den Mauern des größten Monuments des mittelalterlichen Paris, der großen Kathedrale Notre Dame. Im Laufe der Geschichte wird den Leserinnen und Lesern klar, dass nicht nur die menschlichen Charaktere, sondern auch die große Kathedrale selbst im Mittelpunkt der Geschichte steht. Victor Hugos sensationeller, stimmungsvoller Roman über dunkle Leidenschaften und unerwiderte Liebe erweckt das mittelalterliche Paris zum Leben und betrauert sein Vergehen in einem der größten historischen Romane des neunzehnten Jahrhunderts. Dieses ist der zweite von insgesamt drei Bänden.

2. Claude Frollo


 

Claude Frollo war in Wahrheit keine gewöhnliche Persönlichkeit.

Er gehörte zu einer jener mittleren Familien, die man unterschiedslos in der albernen Ausdrucksweise des vorigen Jahrhunderts vornehmen Bürgerstand oder kleinen Adel nannte. Diese Familie hatte von den Brüdern Paclet das Lehen Tirechappe geerbt, welches dem Bischofe von Paris unterstellt war und dessen einundzwanzig Häuser im dreizehnten Jahrhunderte den Gegenstand so vieler Sachwalterkämpfe vor dem Officialgerichte gebildet hatten. Als Besitzer dieses Lehens war Claude Frollo einer der »siebenmal einundzwanzig Lehnsherren«, welche in Paris und seinen Vorstädten Grundzins beanspruchten; und in dieser Eigenschaft hat man zwischen dem Hôtel Tancarville, das Meister Franz Le-Rez gehörte, und dem Collegium Tours lange Zeit seinen Namen in dem Archive eingetragen sehen können, das in Saint-Martin-des-Champs in Verwahrung sich befand.

Claude Frollo war von Kindheit an von seinen Eltern zum geistlichen Stande bestimmt worden. Man hatte ihn im Lateinlesen unterrichtet; er war angehalten worden, die Augen niederzuschlagen und leise zu sprechen. Noch ganz Kind hatte ihn sein Vater in das Collegium Torchi im Universitätsviertel eingesperrt. Hier war er über dem Meßbuche und dem Lexikon herangewachsen.

Er war übrigens ein trübsinniges, stilles und ernstes Kind, das eifrig studierte und schnell begriff; er schrie nie laut in den Erholungsstunden, mischte sich kaum in die lärmenden Gelage der Rue du Fouarre, wußte nicht, was man unter»dare alapas et capillos laniare« verstand und hatte keine Rolle in jener Meuterei vom Jahre 1463 gespielt, welche die Annalisten allen Ernstes unter dem Titel »Sechste Unruhe im Universitätsviertel« aufzeichnen. Es begegnete ihm selten, dass er die armen Schüler von Montaigu wegen der »Kappenmäntelchen«, von denen sie ihren Namen erhielten, oder die Freischüler des Collegiums Dormans wegen ihrer glattgeschorenen Tonsur und wegen ihres dreiteiligen Überrockes aus dunkelblauem, hellblauen und violetten Tuche(»azurini coloris et bruni«), wie die Urkunde des Kardinals Des-Quatre-Couronnes sagte, verspottete. Dagegen war er unablässig in den höhern und niedern Schulen der Straße Saint-Jean-de-Beauvais zu finden. Der erste Student, welchen der Abt von Saint-Pierre-de-Val, sobald er seine Vorlesung über das kanonische Recht begann, immer dem Katheder gegenüber an einer Säule der Schule Sanct-Vendregesile lehnen sah, war Claude Frollo, mit seinem Tintenfaß aus Horn versehen, an der Feder kauend, auf seinem abgeschabten Knie kritzelnd und im Winter in die Finger hauchend. Der erste Hörer, welchen Herr Miles von Isliers, der Doctor des kanonischen Rechtes, jeden Montag Morgen und ganz außer Atem bei der Öffnung der Türen der Schule Chef-Saint-Denis ankommen sah, war Claude Frollo. Daher hätte der junge Gelehrte von sechzehn Jahren in der theologischen Geheimlehre einem Kirchenvater, in der kanonischen Theologie einem Conciliumsvater und in der scholastischen Theologie einem Doctor der Sorbonne die Spitze bieten können.

Nachdem er mit der Theologie zu Ende war, warf er sich auf das kanonische Recht. Vom»Magister Sententiarum« war er auf die »Capitularien Karls des Großen« geraten; und nach und nach hatte er in seinem Wissenshunger Decretalien um Decretalien verschlungen: so diejenigen des Theodorus, Bischofs von Hispalis, wie diejenigen des Bouchardus, Bischofs von Worms, und diejenigen von Yves, des Bischofs von Chartres, dann die Decretaliensammlung des Gratian, welche nach den Capitularien Karls des Großen an die Reihe kam; dann die Sammlung Gregors des Neunten, endlich das Sendschreiben»Super specula« von Honorius dem Dritten. Er machte sich jene lange und stürmische Periode des bürgerlichen und kanonischen Rechtes in Ringen und Arbeit im Chaos des Mittelalters klar und vertraut, – jene Periode, welche der Bischof Theodorus im Jahre 61