: Mary Paulson-Ellis
: Die andere Mrs. Walker
: CULTurBOOKS
: 9783959882194
: 1
: CHF 15.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 448
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
An einem kalten Wintertag in Edinburgh stirbt eine alte Frau. Sie hinterlässt ein verschüttetes Glas Whisky, ein smaragdgrünes Kleid, eine vergammelnde Mandarine und eine gravierte Paranuss. Aber keinen Hinweis darauf, wo sie herkam, wer sie war und was sie in Edinburgh gesucht hat. Margaret Penny, mit 47 gestrauchelt und ihrer Träume beraubt, soll nun im Auftrag des Amts für Verlorengegangene die Geschichte hinter diesem Leben zutage fördern. Und vielleicht fällt dabei auch für sie etwas ab ... »Ein dunkler und betörender Roman, urkomisch und tragisch.« Sunday Times »Soghaft, genießerisch, ein famoses Geschick im Aufspüren der schrägsten Seiten des Lebens.« The Scotsman »Tief verwurzelt in den Geheimnissen von Edinburgh erkundet sie, was sie ?die mörderische Seite des Familienlebens? nennt - das Dunkle, das Skurrile und das Sonderbare.« Val McDermid

Mary Paulson-Ellis lebt in Edinburgh. Ihr Debüt Die andere Mrs. Walker wurde auf Anhieb ein Durchbruch, inzwischen schreibt sie am vierten Roman. Ihre sehr eigene Erzählweise verbindet Krimi mit Geschichtsepos, sie sondiert biografisch-historische Spuren und legt erzählerische Fährten hierhin und dorthin. Die frühere Drehbuchredakteurin, Kunstkuratorin und Reiseleiterin studierte Politik und Soziologie an der Universität Edinburgh. Paulson-Ellis ist regelmäßig bei BBC Radio Scotland zu hören und rezensiert, was Fernsehen, Film, Theater, Kunst und Bücher aktuell zu bieten haben.

2011


Margaret Penny fuhr heim, weil die Münze so fiel. Kopf: ab nach Norden, Zahl: woandershin, vielleicht über alle Berge. Oder an einen noch ferneren Ort. Um sechs Uhr fünfundzwanzig am zweiten Tag des neuen Jahrs kam sie wieder im Athen des Nordens an, bei grauem Himmel, grauen Gebäuden, grauen Gehwegen, alles von Eis umschlossen. Genau wie die Leute.

Sie wachte auf, als der Motor des Nachtbusses ruckelnd zum Stillstand kam, die Haare dahin und dorthin, der Kopf verklebt von grellen, panischen Träumen. Sie klaubte alles zusammen, was sie noch besaß – eine kleine Reisetasche und einen roten gestohlenen Mantel –, und stolperte aus dem warmen Innenraum des Busses wie aus einem Mutterleib. Die Stufen waren schmal. Beim Ausstieg strauchelte sie, trat daneben, direkt in einen Rinnstein voll Matsch.

»Scheiße!«

Jedoch kalt und zähflüssig. Ruinierte sich das einzige Paar Schuhe, das ihr geblieben war.

Es war eine Art Wiedergeburt.

»Also dann, Täubchen!« Margaret Pennys Reisegefährte durch Nacht und Morgengrauen und den frühen, frühen Morgen, der schier nicht hatte enden wollen, stolperte hinter ihr die Stufen herab und öffnete knackend eine weitere Dose Special. »Frohes neues Jahr!« Er hatte sein Gelobtes Land erreicht. Edinburgh (und dem Rest Schottlands) blieb noch ein weiterer Tag zum Feiern, bevor die Arbeit wieder losging, und das Leben.

Gischt sprühte in einem Bogen Richtung Margaret, kleine Schaumflecken trafen ihren gestohlenen Mantel. Der Mann johlte und schwenkte seine Dose in einer Art Salut, wirres dunkles Haar und glitzernde Biertropfen stoben überallhin. Allen Grund zum Feiern. Kein Grund zur Reue. Nach dreißig Jahren war Margaret Penny zu Hause.

Ihre Mutter Barbara wohnte in einem beinahe modernen dreistöckigen Häuserblock im Nordteil der Stadt. Mit dem Taxi um diese Uhrzeit sieben oder acht Pfund. Um diese Jahreszeit das Doppelte. Verglichen mit Londoner Preisen war das nichts, jedoch die Hälfte dessen, was Margaret an Geld übrighatte. Edinburgh hatte sich noch nie gescheut, mehr zu nehmen, als man erwartete. Sie entschied, zu Fuß zu gehen.

Die grauen Straßen waren verlassen. Sechs Uhr fünfundvierzig am Morgen und es wirkte, als wäre ganz Edinburgh im Tiefschlaf oder tot. In keinem der hohen Fenster irgendwo Licht. Niemand führte seinen Hund aus. Nichts als Straßen­laternen mit Natrium-Heiligenschein in der trüben Morgenluft und Dampfschwaden, die den Zentralheizungs-­Lüftungen entstiegen wie Geister.

Margaret mühte sich schlitternd und fluchend von der Bushaltestelle den Hügel hinunter. Sie griff nach allem, was sie finden konnte, um sich festzuhalten, Geländer und Ampelpfosten, Mülleimer mit den vereisten Überresten von Millionen bis zum letzten Zug gerauchten Zigaretten. Das Eis war hier wirklich heimtückisch, dick und klotzig, die Luft stach in ihre Lungen. Sie wünschte, sie hätte außer dem Mantel noch ein Paar Handschuhe geklaut oder wenigstens einen Schal; etwas, um die bloßen Stellen ihrer Haut zu bedecken – Hände und Hals, Ohre