1.
Die Stadiontour
Frühling in Los Angeles bei etwas über 20°C, und mein Agent Dennis Arfa hatte mich zu einem Baseballspiel mitgenommen. Die Dodgers waren im siebten Inning. Dennis futterte seinen zweiten Hotdog und konnte kein Wässerchen trüben, also fragte ich ihn naturgemäß im höhnischsten Tonfall, den ich annehmen konnte: „Warum habenwirnie im Dodger Stadium gespielt?“
Ich arbeite seit vielen Jahren mit Dennis, und er kennt die Orte, an denen wir gespielt haben genauso gut wie wir selbst: Budokan, Wembley, Red Rocks, Madison Square Garden. Mötley Crüe waren Vorgruppe der Rolling Stones. Wir haben jede Freiluftarena vollgepackt, für die wir gebucht wurden, und standen bei Open-Air-Festivals auf der ganzen Welt als Headliner auf der Bühne. In Los Angeles machten wir den Hollywood Bowl voll und verkauften das Staples Center aus. Aber das Dodger Stadium? Ich hatte nur einmal einen Fuß aufs Feld gesetzt, und zwar für einen feierlichen ersten Wurf.
„Ich schätze, das liegt daran, dass ihr auf die schlaue Idee gekommen seid, die Band aufzulösen.“
Wir prusteten beide vor Lachen.
„Falls ihr es euch irgendwann anders überlegt“, fuhr Dennis fort, „ruft mich einfach an.“
Wenige Stunden später weckte ich meine Ehefrau.
„Sollten wir je wieder zusammenkommen, werden wir im Dodger Stadium spielen.“
Courtney ist daran gewöhnt, dass ich sie nach Mitternacht wecke. Meistens sieht sie es mir nach. Diesmal sagte sie: „Aber Schatz, die Band hat einen Vertrag unterschrieben.“
Das stimmte. Ein paar Jahre zuvor hatten Mötley Crüe eine „Tournee-Unterlassung“ unterzeichnet – und Courtney weiß, dass ich ein Mann bin, der sein Wort hält. Allerdings bin ich auch jemand, der sich von seinen Leidenschaften leiten lässt.
„Ich denk mir was aus“, erwiderte ich.
Zu der Zeit arbeitete ich anTheDirt, der Filmadaption des Buchs über Mötley. Es war ein Bestseller gewesen, und bislang sah es so aus, dass der Streifen besser ausfallen würde, als irgendjemand von uns hätte ahnen können. Tommy wurde von Machine Gun Kelly gespielt, ein englischer Schauspieler namens Douglas Booth übernahm meine Rolle. Er gab also seinen besten Nikki Sixx, während der echte Nikki Sixx Meetings mit Live Nation, Apple, Spotify, Radiosendern und Social-Media-Plattformen abhielt, um den Film zu promoten. Ich zeigte dabei Ausschnitte, teilte einige meiner eigenen Erinnerungen und spielte einen neuen Song, den ich geschrieben hatte.
Genau genommen hatte ich mehrere neue Songs – gut ausformulierte Ideen, die ich alle aufregend fand. Ich war mit dem Gitarristen John 5 zugange gewesen, der mit jedem von k.d. lang über Marilyn Manson bis zu Rob Zombie gearbeitet hatte, sowie mit dem Sänger Sahaj Ticotin, der einen Rekord aufgestellte hatte, da er Töne länger halten kann als jeder andere Mann. Wir hatten ein paar Demos aufgenommen, und ich hatte sie alle Bob Rock vorgespielt, der 1989 mitverantwortlich war für Mötleys Crües größtes AlbumDr. Feelgood. Kaum zu fassen, dass seitdem 30 Jahre vergangen sind, doch beim Hören der Tracks meinte Bob: „Die klingen wie klassische Crüe-Nummern.“ Derjenige, die ich für den Abspann komponiert hatte, erinnerte ihn an „Kickstart My Heart“ – Riesenlob vom Produzenten des Originals.
„Wir haben die Songs“, sagte ich zu Courtney.
Die Songs – die Musik ist der Ausgangspunkt. Ohne sie keine Clubtourneen, keine Hallentouren. Keine Arenen und keine Privatjets, um die Arenen anzufliegen. Ohne Musik kein Geld, keine Platinauszeichnungen zum Tapezieren von Studiowänden. Mötley hätten nichts von der Liebe, dem Hass, dem Tod und der Zerstörung erlebt, die mit dem Lifestyle einhergehen. Wir vier zusammen kommen auf 160 Jahre voller Erfahrungen, von denen wir zehren können. Wäre dies ein VH1-Special, würden wir einstimmig sagen: „Einige der schönsten, die wir je gemacht haben! Einige der schlimmsten! Und nicht viele, die wir bereuen!“
Wir alle würden die Wahrheit sagen. Als kleiner Junge malte ich Bands auf meine Schreibblöcke. Vier einander ergänzende Charaktere mit Superheldenfähigkeiten an Schlagzeug, Bass, Gitarre und Mikro. Diese Typen sahen immer cool aus, hatten immer die besten Songs, die sie auch gut spielten, und aussagekräftige Texte. Im Kopf baute ich ein neues Ungetüm.
Jene Bands waren Mötley im Embryonalstadium. Ich musste lediglich nach Los Angeles ziehen, das Bassspielen lernen und drei andere Musiker finden, die die Welt so sahen wie ich. Letztendlich ist genau das passiert. Natürlich erforderte es tonnenweise Schwerstarbeit und dabei nicht nur die naheliegende. Abgesehen vom Komponieren, Proben, der Arbeit an unser