: Edzard Reuter
: Der Preis der Freiheit Was Europa jetzt tun muss - Ein Weckruf
: S.Hirzel Verlag
: 9783777631561
: 1
: CHF 17.60
:
: Politik, Gesellschaft, Wirtschaft
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Edzard Reuter ist überzeugter Europäer und überzeugter Kämpfer für eine Wirtschaft, die auch am Wohl der Mitarbeiter*innen, der Umwelt, der Gesellschaft ausgerichtet ist. In seinem neuen Buch zieht er ein Fazit seines über 90-jährigen Lebens als politisch und gesellschaftlich engagierter Mensch und als langjähriger Vorstandsvorsitzender der Daimler Benz AG. Der Kenner und Beobachter der Weltpolitik und der Weltwirtschaft zeigt umfassend auf, wie die Welt sich verändert hat und welche Rolle dabei der Nahe Osten, Russland, die USA und China spielen. Die aktuelle Situation in der Ukraine bezeugt die Dringlichkeit eines Paradigmenwechsels in der EU. Für Reuter ist angesichts vielschichtiger Herausforderungen der Weg für die Europäische Union klar: Sie muss sich zu einem eigenständigen Staatsgebilde wandeln. Was hierfür nötig ist, sind vor allem visionäre Menschen, die klar und deutlich sagen, wohin der Weg führen soll - und die zugleich den Mut aufbringen, sich selbst zu korrigieren, wenn ein Irrweg eingeschlagen wurde.



Edzard Reuter, Jahrgang 1928, war von 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG. Er war über 70 Jahren SPD-Mitglied, Ehrenbürger von Berlin, Vorsitzender der Kuratorien der Helga und Edzard Reuter Stiftung und der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv. Zugleich wirkte er als Mitglied im Kuratorium der Friedrich-Ebert-Stiftung, der Reportageschule Reutlingen und bei CARE Deutschland mit. Edzard Reuter ist am 27.Oktober 2024 verstorben.

Weit hinten in der Türkei?


Erinnern Sie sich noch annine eleven?

Ich jedenfalls erinnere mich sehr genau daran. Der Nachmittag des 11. September 2001 – vor inzwischen 20 Jahren. Zusammen mit einem guten Bekannten saßen wir hinten in einem komfortablen Auto, auf der Rückfahrt von einem Treffen außerhalb Berlins zurück in die Stadt. Zum Zeitvertreib baten wir den Fahrer, die Radionachrichten anzustellen. Übergangslos wurden wir in den Bericht geworfen, der ebenso atem- wie fassungslos schilderte, was geschehen war: dass zwei Flugzeuge, voll mit unschuldigen Passagieren, nacheinander mutwillig in die beiden Türme des World Trade Center in New York gesteuert worden waren, dort explodiert seien, die Gebäude zuerst in Brand gesteckt und anschließend zum Einsturz gebracht hätten.

Uns verschlug es die Sprache. Weit mehr als das: Was da geschildert wurde, überstieg jedes Vorstellungsvermögen. Es schien, als stamme es aus einem Fantasieroman.

Erst als am Abend die Bilder des Grauens über die Bildschirme gingen, wurde für alle von uns Realität daraus. Das setzte sich in den folgenden Wochen täglich fort, als Schritt um Schritt die Einzelheiten des Verbrechens und der beiden anderen Anschläge vom gleichen Tag bekannt und mit Bildern unterlegt wurden, als wir Näheres über die Täter, ihr Aussehen, ihr Herkommen erfuhren – und davon, welche wahnwitzigen Motive sie angetrieben hatten.

Monatelang gab es kein anderes Thema. Sensationen dieser Art haben nun einmal die Eigenschaft, nicht nur das eigene Empfinden zu vernebeln, sondern darüber hinaus auch das Denken lahmzulegen. Seien wir doch ehrlich: Ist uns das hier bei uns, hier in Europa, alles wirklich genauso nahe unter die Haut gegangen wie denjenigen, die es in New York aus der Nähe miterlebten oder gar ihre Nächsten verlieren mussten? Haben wir wirklich verstanden, dass sich das grauenhafte Ereignis nicht nur in der Ferne jenseits des Ozeans abgespielt hatte, sondern dass es uns selbst nicht minder unmittelbar anging als das unsägliche Leid derer, die selbst – oder deren Angehörige – zum Opfer der Mordtat geworden waren?

Nein! Allzu bald wich der erste Schreck einem allenfalls neugierigen Desinteresse. Zwar erklärte der ominöse damalige Präsident George W. Bush offiziell dem »Terror« und insbesondere jener Organisation, die sich unter der Bezeichnung al-Qaida in so widerlicher Selbstgerechtigkeit der Mordserie in den USA rühmte,den Krieg.

Die meisten von uns, genau wie die Mehrzahl unserer Politiker und der Medien, waren hingegen schnell genug dabei, das schreckliche Geschehen in den Hintergrund ihres Interesses zu verbannen. Stattdessen stritten wir mit messerscharfen Argumenten über das Für und Wider des nun wahrhaft weltbewegenden Themas, ob man tatsächlich als Staat einer solchen Bande von Terroristen »den Krieg erklären« könne oder dürfe, wo doch als Empfänger derartiger Mitteilungen laut Völkerrecht nur ein anderer Staat legitimiert sei.

Es dauerte dann auch nicht lange, bis die neuesten Fußballergebnisse und die Schlagzeilen von »Bild« über die letzten Seitensprünge der Schickeria, ergänzt um unsere eigenen täglichen Erlebnisse, wieder die Gedanken und Gefühle beherrschten. Al-Qaida – je mehr sich ihre Gräueltaten an allen möglichen Plätzen der Erde wiederholten, desto mehr wurden sie zur Gewohnheit. Achselzuckend gewöhnten wir uns daran, dass brutale Mordanschläge mit unzähligen unschuldigen Menschen als Opfern zur täglichen Nachrichtensendung wurden: Sie fanden ja irgendwo in der Ferne statt, uns selbst trafen sie nicht.

Aufgeweckt wurden wir erst wieder, als der amerikanische Präsident sich 2003 mit seinem britischen Freund, dem Premierminister Tony Blair, und einigen anderen Partnern zu einer »Koalition der Willigen« zusammenfand. Man hatte beschlossen, unter offener Verletzung des Völkerrechts tatsächlicheinen Krieg zu beginnen.

Dieses Mal ging es allerdings tatsächlich um einen Staat: den Irak und dessen Alleinherrscher Saddam Hussein. Ebenjenen Herrn hatte man freilich nicht lange z