„Nun, Lucas, was halten Sie von dieser fantastischen Arbeit? Ich bin sehr interessiert an Ihrer völlig unvoreingenommenen Meinung, ihr Merchands habt immer so fundierte, aber auch frische Meinungen zu großen Werken wie diesem. Ein herausragendes Stück des Kubismus des neunzehnten Jahrhunderts, nicht wahr?“
Lucas zwang sich zu einem Lächeln. „Es tut mir leid, Sie zu korrigieren, Madame Laurent“, sagte er freundlich. „Aber tatsächlich ist Modiglianis Kunst keiner der üblichen zeitgenössischen Strömungen des vorletzten Jahrhunderts zuzuordnen. Sie enthält kubistische Elemente, aber auch symbolistische und expressionistische.“
„Ach, wirklich?“ Die Dame Ende fünfzig rückte ihre Designerbrille zurecht, ein grässlich buntes Ding mit riesigen Gläsern, mit der sie gut in diese exzentrische Gesellschaft hineinpasste. „Spannend, sehr spannend. Aber natürlich habe ich von Sylvies Sohn nicht weniger erwartet als diese Sachkenntnis, immerhin haben Sie doch schon einen guten Teil Ihres Kunststudiums abgeschlossen, richtig?“
Er nickte lächelnd, wie man es von ihm erwartete. „Das vierte Semester geht zu Ende, Madame.“
„Schön, sehr schön. Da haben Sie mit Ihren zwanzig Jahren noch einiges vor sich, Lucas!“
Oh, wenn sie nur wüsste, wie viel noch vor ihm lag. Drei Jahre an der Sorbonne. Hunderte Tage wie dieser. Hunderte Ausstellungen. Hunderte dieser lästigen Gespräche. Was würde er nicht dafür geben, in diesem Moment in Ruhe auf seinem Sofa zu sitzen und das Basketballspiel zu schauen. Aber leider war er ein Merchand.
Er sah an dem mitten im Raum ausgestellten Modigliani-Landschaftsgemälde vorbei – zum Glück hatte Madame Laurent ihn nicht vor einem der Dutzenden Akte angehalten, die die Wände der alten Fabrikhalle schmückten – und ließ den Blick über die Menge schweifen. Die gesamte Kunstszene von Paris war hier versammelt. Jeder der anwesenden Nicht-Laien hatte schon einmal mit ihm zu Abend gegessen. Seine Mutter gab viel auf ihre weitreichenden Kontakte.
Um genau zu sein, gab sie auf nichts mehr.
Er entdeckte sie beim Direktor der Location. Mit einem Sektglas in der einen und großen Gesten der anderen Hand sprach Sylvie Merchand auf ihn ein, und als sie zufällig seinen Blick kreuzte, lächelte sie so strahlend wie immer, wenn sie gerade einen guten Deal gemacht hatte.
Er schluckte gegen den Kloß in seinem Hals an und nickte ihr kurz zu, während sein Herzschlag sich sofort beschleunigte.
Heute sage ich es ihr. Wirklich.
Sein innerer Schweinehund setzte gerade zu einer amüsierten, stummen Erwiderung an, da betrat ein neuer Gast die Halle und Lucas hätte nicht erleichterter sein können.
„… persönlich teile ich ja vor allem die Leidenschaft Ihrer Mutter für geschmackvolle Akte, Lucas. Aber bitte, erläutern Sie mir doch die Abweichungen vom Kubismus in diesem Gemälde und …“
„Pardon, Madame Laurent“, unterbrach er seine reizende Gesprächspartnerin. „Da kommt eine Freundin von mir, ich muss sie begrüßen.“
„Oh, natürlich, junge Liebe braucht Zeit und Aufmerksamkeit!“
Dieser Satz entlockte ihm das erste leise Lachen seit zwei Stunden. Élian würde erst ihn, dann die Knalltüte im pinken Kleid da vorne und dann noch mal ihn einen Kopf kürzer machen, würden sie es auch nur in Betracht ziehen, etwas miteinander anzufangen. Und dann würde er Mathéo dieselbe Freude gewähren. Wie große Brüder eben so sind, wenn es um die kleine Schwester geht.
„Bonsoir, Mademoiselle“, begrüßte er seine beste Freundin Louanne grinsend und blieb mit verschränkten Armen vor ihr stehen. „Muss ich an der Schleife da ziehen, um dieses Knallbonbon zu entschärfen?“
Lou klimperte mit den langen Wimpern und drehte sich einmal um sich selbst. Dabei glitzerte der eng anliegende Stoff auch noch. „Um mich zu entschärfen, musst du dir was Besseres einfallen lassen. Aber ich bestehe darauf, dass du dabei diesen heißen Anzug trägst.“
Vielsagend hob er die Augenbrauen und zog seine Krawatte zurecht. „Königsblau ist einfach genau meine Farbe, den muss mir jemand mit sehr gutem Geschmack geschenkt haben.“
„Oh ja.“ Lou strich sich grinsend die langen, hellbraunen Locken zurück.