Kapitel 3 – Hitzewallungen
Rochester, England
Trenton House
Oktober 1835
Penny seufzte glücklich, während sie am Rande der Tanzfläche auf einem Stuhl saß, sich am geöffneten Fenster frische Luft zufächerte und auf ihre Freundin wartete. Obwohl sich Penny vor fünf Monaten wie eine Idiotin benommen und geglaubt hatte, Lord Lexington vergrault zu haben, war sie nun mit ihm verlobt. Bald würden sie sogar heiraten! War das zu fassen? Sie konnte es immer noch nicht glauben. Ihr Märchenprinz hatte sie erwählt.
Heute war er extra aus London gekommen, um mit ihr gemeinsam die Veranstaltung im Hause ihrer besten Freundin Izzy – eigentlich Isabella Norwood – zu besuchen. Izzys Stiefmutter hatte gut vierzig Gäste – darunter einige gut betuchte Junggesellen – geladen, in der Hoffnung, ihre einundzwanzigjährige Stieftochter endlich unter die Haube zu bringen. Izzy, die ihre Freiheiten liebte und in vielen Belangen völlig anders war als Penny, hatte vor wenigen Minuten, als die Musiker eine Pause angekündigt hatten, das Weite gesucht. Ja, sie war regelrecht aus dem Saal gestürmt – angeblich, um sich die Nase zu pudern. Doch Penny kannte ihre Freundin in- und auswendig. Sie war eher vor den anwesenden Herren geflohen, die ein Auge auf sie geworfen hatten und alle mit ihr tanzen wollten.
Seltsam, dass auch ihr neuer Nachbar Henry Griffiths, der Marquess of Wakefield, verschwunden war. Womöglich war er auch schon nach Hause gegangen. Die meiste Zeit machte er den Eindruck, als würde er sich nicht wohlfühlen. Was vielleicht daran lag, dass er von allen nur »der unheimliche Lord« genannt und ständig angestarrt wurde. Mit der Narbe, die seine halbe Wange entstellte, sah er tatsächlich etwas gruselig aus, aber ansonsten schien er ganz nett zu sein. Allerdings hatte Penny kaum Blicke für andere Männer übrig, denn es interessierte sie allein Ashton Courtenay, der Earl of Lexington.
Zum tausendsten Mal ließ sie sich durch den Kopf gehen, was nach dem Fiasko vor der Kutsche passiert war: Lord Lexington machte ihr tatsächlich am nächsten Tag seine Aufwartung und brachte einen Riesenstrauß wundervoller Blumen mit. Außerdem bat er ihren Vater um Erlaubnis, sie heiraten zu dürfen. Bei seinem ersten Besuch! Papa hatte natürlich nichts dagegen und Mama wurde vor Freude fast ohnmächtig.
Zum Glück hatte den Earl ihr dämliches Verhalten nicht abgeschreckt. Penny zögerte keine Sekunde und willigte freudestrahlend ein, als er vor ihr auf die Knie ging und um ihre Hand anhielt.
Hach, an diesen romantischen Augenblick dachte sie unentwegt. Sein unwiderstehliches Lächeln war seit diesem Moment in ihrem Herzen verankert. Diesen verträumten Blick, den er ihr dabei geschenkt hatte, würde sie niemals vergessen. Er war solch ein attraktiver Mann! Es mussten ihm doch unzählige Frauen zu Füßen liegen? Warum hatte er gerade sie ausgewählt?
Er war nicht auf ihre Mitgift angewiesen; außerdem hatte er sie vor der Verlobung nur einmal gesehen.
Die Antwort lag glasklar vor ihren Augen: Er musste sich auf den ersten Blick in sie verliebt haben. Ihr war es schließlich nicht anders gegangen.
Obwohl er solch ein attraktiver Mann war und jede haben könnte, hatte Penny bis heute keine anrüchigen Geschichten über ihn gehört. Er schien kein stadtbekannter Lebemann und auch sonst in keiner Weise auffällig geworden zu sein, sei es durch Glücksspiel oder weil er sich übermäßig betrank. Einen besseren Ehemann konnte sie sich nicht wünschen.
Alles lief für Penny gerade perfekt, und sie hoffte sehnlichst, dass auch Izzy ihr Glück fand. Sie betonte zwar ständig, dass sie keinen Ehemann brauchte, sondern sich lieber um ihren Papa und die Verwaltung des Hauses kümmern wollte. Doch in Wahrheit sehnte sich doch jede Frau nach starken Armen, die sie zärtlich umschlossen?
Ach, sie war eine Träumerin. Das hatte sie bestimmt von Izzy. Seit ihrer Kindheit waren sie unzertrennlich und wurden deshalb von vielen »Pizzy« genannt, weil es sie jahrelang nur im »Set« gegeben hatte. Die Herrenhäuser ihrer Eltern lagen nicht weit voneinander entfernt, und sie hatten zahlreiche Abenteuer erlebt, sehr zum Leidwesen von Mama und Papa. Doch die beiden hatten Izzy trotz ihrer etwas anderen Art ebenfalls in ihr Herz geschlossen. Penny würde ihre Freundin schrecklich vermissen, denn bald ging sie mit Ashton – wie sie ihn bereits nennen durfte – auf Hochzeitsreise und würde danach bei ihm leben.
Hoffentlich fand sie heute ein paar ruhige Minuten mit ihm, um ihn ein wenig besser kennenzulernen. Sie wusste immer noch fast nichts von ihm, nur dass er Ashton Courtenay hieß, am fünfzehnten Juli dreißig geworden und somit genau elf Jahre älter war als sie. Er besaß ein Herrenhaus in der Grafschaft Nottinghamshire – was leider weit weg von Kent lag – und eine riesige, freistehende Villa in London, kein Stadthaus wie ihre Eltern, das zwischen anderen dicht an dicht i