: Claus-Peter Hutter, Akademie für Natur- und Umweltschutz
: Weiden - Wege zur Bewahrung der Biodiversität Dokumentation zweier Online-Veranstaltungen zu Potenzialen, Herausforderungen und Strategien der naturnahen Beweidung
: S. Hirzel Verlag
: 9783777632957
: Beiträge der Akademie für Natur-und Umweltschutz B.-W.
: 1
: CHF 19.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 100
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Intensi e Landwirtschaft mit ganzjähriger Stallhaltung hat das jahrtausendealte Wechselspiel von Natur und Kultur, das eine unglaubliche biologische Vielfalt hervorgebracht hat, in den vergangenen hundert Jahren entkoppelt und in der Folge die Landschaft verarmen lassen. Mit Umstellung auf die industriell geprägte Landwirtschaft wurden viele naturnahe Weiden aufgegeben – ein Grund, dass die Vielfalt der Arten seit rund 200 Jahren stetig zurückgeht und derzeit im freien Fall ist. Die naturnahe extensive Weidehaltung kann dabei, wie zahlreiche Untersuchungen bestätigen, Abhilfe schaffen. Durch sie entstehen eine Vielzahl von Biotopen, die im Verbund ein strukturreiches Netzwerk naturnaher Zustände wiederherstellt und artenfördernde Prozesse aktiviert: Denn Weidetiere bewirken durch Fraß, Tritt oder Lagern Störungen, die die Habitatvielfalt fördern und damit die Artenvielfalt.

Der Tagungsband dokumentiert zwei Online-Veranstaltungen der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg zu Potenzialen, Herausforderungen und Strategien der naturnahen Beweidung anhand von 27 Beiträgen unterschiedlicher Autorinnen und Autoren. Best-Practice Beispiele aus dem In- und Ausland werden vorgestellt, Stellschrauben in Landwirtschaft, Naturschutzverwaltung und Gesellschaft, an denen nachjustiert werden muss, werden aufgezeigt und der Bedarf einer gezielten Strategie zur naturnahen Beweidung wird verdeutlicht und konkretisiert.



Daniela Haußmann

Einführung

Die biologische Vielfalt ist das wohl wichtigste Gut unseres Planeten. Sie umfasst das ganze Spektrum an Ökosystemen und Lebensräumen, die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten sowie die genetische Vielfalt innerhalb der unterschiedlichen Arten. Doch weltweit ist es um die Biodiversität schlecht bestellt. Die Natur funkt SOS. Laut dem World Wide Fund for Nature (WWF) hat sich der Zustand der Ökosysteme global in den vergangenen 50 Jahren verschlechtert. Auch für Deutschland zeigt die Rote Liste einen dramatischen Rückgang der biologischen Vielfalt.

Nach Angabe des WWF sind „26 Prozent der rund 3.000 einheimischen Farn- und Blütenpflanzen bestandsgefährdet, fast zwei Prozent sind ausgestorben oder verschollen“ (WWF 2021). 36 Prozent der einheimischen Tierarten sind nach Angabe der Umweltorganisation bedroht, während 3 Prozent als ausgestorben oder verschollen gelten (vgl. ebd.). Und über 70 Prozent der Lebensräume, die es bundesweit gibt, werden dem WWF zufolge als gefährdet eingestuft (vgl. ebd.). Europaweit zählt Deutschland damit zum Kreis jener Länder, die die höchsten Biodiversitäts-Verluste verzeichnen.

Kulturell und technologisch ist unsere Landschaft derart überformt, dass sie nur noch vereinzelt und auf kleinen, zunehmend schrumpfenden Flächen ein intaktes und reiches Naturerbe aufweist. Umso wichtiger ist es, ökologisch wertvolle Gebiete in ihrem Erhaltungszustand zu stabilisieren und weiterzuentwickeln, aber auch verarmte Flächen in Offenland, Wald und Siedlungsbereichen zu revitalisieren und ihren ökologischen Wert sukzessive zu steigern. Der Erhalt natürlicher Lebensräume sowie wildlebender Tiere und Pflanzen zählt, zusammen mit dem Klimawandel, zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Bei ihrer Bewältigung kann eine naturnahe und fachgerechte Beweidung einen zentralen Beitrag leisten, weil sie zu einer immens hohen Biotop-, Struktur- und Standortvielfalt führt, die ihrerseits eine hohe biologische Vielfalt gewährleistet.

Die Geschichte der Kulturlandschaft ist untrennbar mit der extensiven Beweidung verbunden. Über Jahrtausende hinweg gestalteten wildlebende und domestizierte Weidegänger vielfältige Landschaften, schufen Habitate für lichtbedürftige Flora und Fauna und erzeugten mit ihrem Dung reiche Nahrungsquellen für individuenreiche Insektengemeinschaften. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass der nahezu vollständige Rückgang extensiver Weidehaltung zu den für das Insektensterben relevanten Faktoren zählt. Daran wird deutlich: Zahlreiche Herausforderungen im Natur- und Artenschutz lassen sich in vielen Naturräumen mit einer standortangepassten, naturnahen Beweidung mit unterschiedlichen Tierarten und -rassen ökologisch und ökonomisch nachhaltig bewältigen.

Eine naturnahe Beweidung der Kulturlandschaft steht für eine moderne, multifunktionale Landwirtschaft, die nicht nur einen signifikanten Beitrag zur Lösung der Biodiversitätskrise leistet, sondern im Vergleich zu herkömmlichen Formen der Grünlandnutzung auch eine deutlich bessere Klimabilanz aufweist. Die Landwirtschaft bietet enorme Potenziale für den Klimaschutz, wenn die extensive Weidetierhaltung in den Förderrahmen nationaler und europäischer Agrarpolitik stärker und vor allen Dingen auch besser integriert wird.

Rund 62 Prozent der gesamten Methan (CH4)-Emissionen und 79 Prozent der Lachgas (N2O)-Emissionen in Deutschland stammen laut Umweltbundesamt aus der Landwirtschaft (Umweltbundesamt 2020). Der Großteil der im Agrarsektor anfallenden Methan-Emissionen wird beim Verdauungsvorgang von Wiederkäuern wie Rindern, Schafen oder Ziegen erzeugt sowie bei der Lagerung und Ausbringung von Wirtschaftsdünger. Gleichzeitig wird auf agrarwirtschaftlich genutzten Böden überwiegend Lachgas emittiert, das auf den Einsatz von organischem und m