Prolog
Es ist der 31. Dezember 2019, Silvester. Ich bin im Winterurlaub und genieße zum Jahresende ein paar entspannte Tage mit der Familie im schweizerischen Kurort Arosa. Bei klirrender Kälte habe ich seit dem frühen Morgen mit meinen Geschwistern die Pisten des Skigebietes Arosa-Lenzerheide unsicher gemacht. Begleitet von einem wolkenlosen blauen Himmel.
Nun sitzen wir nahe der Skipiste auf der Terrasse einer Berghütte und genießen wie zahlreiche weitere Einheimische und Urlaubsgäste die letzten Sonnenstrahlen des Jahres. Die Stimmung ist gelöst, es ist Ferienzeit. Das merkt man überall. Beim Gang durch das kleine Dorf, im Bus zur nächsten Gondelstation, an den Skiliften und nicht zuletzt bei der Einkehr in die zahlreichen Berghütten.
Genau in diese Idylle, umgeben von dem unbeschreiblichen Bergpanorama der Schweizer Alpen, platzt eine Nachricht, die in diesem Moment niemand einordnen kann, die aber das Potenzial besitzen wird, unser Leben für immer zu verändern. Es muss gegen 14.30 Uhr gewesen sein, als ich auf meinem Mobiltelefon eine erste Nachrichtenmeldung bei »Spiegel online« lese, in der über eine neue »mysteriöse Lungenkrankheit«, die in der chinesischen Millionenstadt Wuhan in der Provinz Hubei ausgebrochen ist, berichtet wird. Heute finde ich es erstaunlich, dass ich zunächst der Stadt des Ausbruches mehr Bedeutung zukommen lasse als dem restlichen Nachrichtengehalt. Aber irgendwoher kommt mir der Name der Stadt bekannt vor. Ich habe schon einige chinesische Großstädte besucht, in Wuhan bin ich aber noch nicht gewesen. Eine kurze Internetrecherche lässt mich wieder erinnern. Unsere Bundeskanzlerin, Angela Merkel, war noch vor wenigen Monaten mit einer Wirtschaftsdelegation dort. Das Bild, auf dem die Bundeskanzlerin bei strahlendem Sonnenschein lächelnd auf einer Brücke über dem Jangtsekiang, dem drittlängsten Fluss der Welt, steht, ist einer der ersten Google-Treffer.
27 Menschen, so lautet der Bericht, hätten sich dort nun mit einer unbekannten Lungenkrankheit infiziert. Die Ursache: völlig unbekannt. Aufgrund des vermeintlichen Ortes der Ansteckung, dem Huanan-Markt für Fische und Meeresfrüchte, werden jedoch schon in dieser ersten Meldung Parallelen zum Ausbruch der SARS-Pandemie im Winter 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong gezogen. Damals erkrankten zunächst Bauern und Köche, die sich auf die Zubereitung von Wildtieren spezialisiert hatten, an einer atypischen Lungenkrankheit. Diese Krankheit, später Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom (SARS) genannt, wurde durch ein unbekanntes Coronavirus hervorgerufen. In den folgenden Monaten infizierten sich weltweit rund 8000 Menschen mit dem nun als SARS-CoV-1 bezeichneten Erreger. 774 von ihnen starben.
Während der SARS-Pandemie bin ich noch zur Schule gegangen. Ich war 15 Jahre alt. Meine Geschwister, die in diesem Moment mit mir in der Sonne sitzen und Pläne für den Silvesterabend schmieden, sind damals noch jünger. Für uns alle ist das Jahr 2002 eine ferne Erinnerung aus Kindertagen. Die deutsche Fußballnationalmannschaft wurde 2002 mit einem überragenden Torhüter Oliver Kahn Vize-Weltmeister beim Turnier in Japan und Südkorea. Das ist das Erste, was uns dazu einfällt. Erst viel später denken wir an die Hochwasserkatastrophe in jenem Sommer, der Jahrhundertflut an Elbe, Havel und Donau. Der deutsche Bundeskanzler ist Gerhard Schröder.
Ebenso weit weg wie das Jahr 2002 ist für uns auch der Pandemiebegriff. Wir sind fünf Geschwister. Vier Jungen, ein Mädchen. Während unsere kleine Schwester als Grundschullehrerin arbeitet, sind ihre großen Brüder mittlerweile alle im Gesundheitswesen tätig. Zwei sind Apotheker, die beiden anderen Ärzte. Der Pandemiebegriff ist uns allen geläufig. Und trotzdem bleibt er abstrakt. Ich verbinde damit im ersten Moment auch nicht das Coronavirus SARS-CoV-1, sondern habe die Spanische Grippe vor Augen, die vor gut 100 Jahren in der Welt grassierte. 500 Millionen Infizierte und 20 bis 50 M